Das Leben des Gelehrten Raymond Klibansky liest sich wie das aufgeschlagene Buch des 20. Jahrhunderts. 1905 in Paris als Sohn eines deutschen Weinhändlers und der Nachfahrin eines jüdischen Talmudgelehrten geboren, flieht er mit seiner Familie 1914 nach Frankfurt, besucht das Goethe-Gymnasium und studiert danach in Kiel, Hamburg und Heidelberg Philosophie. Schon als Student pflegt Klibansky Freundschaften und Arbeitsbeziehungen mit Friedrich Gundolf, Ernst Cassirer, Karl Löwith und Karl Jaspers. Er hört Vorträge von Heidegger - und verachtet ihn, denn niemals sei ein philosophischer Gedanke so prostituiert worden. Schon bald liegt ihm die Heidelberger Akademie zu Füßen und beauftragt ihn, die Werke von Nikolaus von Kues und Meister Eckhart herauszugeben. Die Gnade der Akademie währt bis 1933, dann erobert der faschistische Geist die Universität. Meister Eckhart gilt plötzlich als deutschtümelnder Urvater germanischer Gotteserfahrung und ein jüdischer Herausgeber als untragbar.

Klibansky wird aus der Akademie vertrieben - Drohungen und Repressalien folgen, ein protestantischer Theologe organisiert eine Hetzkampagne. Bevor Klibansky nach England flieht, sorgt er zusammen mit Fritz Saxl und Erwin Panofsky dafür, dass die von Aby Warburg gegründete Warburg-Bibliothek von Hamburg nach London verschifft wird, gleichsam als Rettung der humanistischen Tradition vor dem völkischen Wahn. Schnell wird Klibansky, ein wunderbar polyglotter Geist, in der angelsächsischen Welt heimisch. Er lehrt als Dozent am King's College in London, dechiffriert für den englischen Nachrichtendienst und macht nach dem Krieg eine Karriere als Ideenhistoriker und Wissenschaftsdiplomat. Schließlich folgt der Kosmopolit der Vernunft einem Ruf an die McGill-Universität in Montreal. Einem größeren Publikum wird Klibansky erst mit der Studie Saturn und Melancholie bekannt. Das zusammen mit Panofsky und Saxl geschriebene Kompendium ist eine Fundgrube diskreten Wissens, ein Klassiker der Ideen- und Kunstgeschichte, der die Traurigkeit ohne Ursache typengeschichtlich von der Antike bis in die epidemische Gemütsverfassung der Moderne verfolgt. Schwermut war für Klibansky melancholische Aufklärung über die Grenzen der Vernunft - aber nicht ihr Widerruf. Toleranz, Freiheit und Verständigung blieben die Schlüsselworte seines Forscherlebens. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Raymond Klibansky am 5. August kurz vor seinem 100. Geburtstag in Montreal gestorben.