Alle wollen immer nur die eine. Und steuern, kaum haben sie die Gemäldegalerie Alter Meister in Dresden betreten, schnurstracks auf Raffaels Sixtinische Madonna zu. Schon König August III. von Sachsen, der sie 1754 unter abenteuerlichen Umständen erwarb, war besonders scharf auf dieses Himmelsgeschöpf, das später von reisenden Romantikern aller Art angehimmelt wurde und bis heute die Attraktion des Hauses ist. Die Sixtina, nun ja, da schwebt sie barfüßig auf den Wolken, den Jesusknaben auf dem Arm - die Pausbackenengelchen, die sich am unteren Bildrand lümmeln, kennen wir vom Weihnachtseinwickelpapier. Warum die nette Sixtina und nicht Parmigianinos laszive Madonna mit der Rose? Oder die zauberhaft in sich verpuppte Himmelskönigin Maria von Jan van Eyck?

Simple Fragen mit simplen Antworten, die einem durch den Kopf gehen angesichts der gerade eröffneten Ausstellung Das Geheimnis des Jan van Eyck, von den Dresdener Kustoden Thomas Ketelsen und Uta Neidhart konzipiert. Mit der Ausstellung wird das 150-jährige Bestehen des von Gottfried Semper errichteten Museumsbaus gefeiert, der ursprünglich für die Gemäldegalerie wie auch das Kupferstichkabinett gedacht war, das nach vielen Notaufenthalten im April dieses Jahres neue Räume im Schloss beziehen und damit an seinen frühesten königlichen Standort zurückkehren konnte.

Auf kleinster Fläche malt er die detailreichsten Architekturen

Ein Jubiläum wird gern genutzt als Anlass für eine Nummernrevue, ein Feuerwerk der Superlative. In Dresden feiert man anders: Zwei Arbeiten von Jan van Eyck, der kleine Marienaltar und die Silberstiftzeichnung mit dem Porträt eines alten Mannes, beide im Sammlungsbesitz, stehen im Zentrum einer Ausstellung, die sich, von zwei Leihgaben abgesehen, ganz aus eigenen Beständen generiert. Das nennt man produktives Selbstbewusstsein.

Das Geheimnis des Jan van Eyck wird hier natürlich auch nicht gelöst, aber ein wenig Hyperventilation darf schon sein, wenn man im Wettbewerb der Ausstellungssensationen die Aufmerksamkeit auf das Spektakuläre im Normalen richtet, wenn man den Mut hat, mit zwei Meisterwerken eine ganze Ausstellung auszurufen, deren Untertitel dann in aller Sachlichkeit darüber informiert, was ihr eigentliches Thema ist: Die frühen niederländischen Zeichnungen und Gemälde in Dresden.

Der Parcours beginnt mit einem Moment der sinnvollen Irritation, mit den so genannten burgundischen Planetenzeichnungen von 1420/30, die in teils sehr handgreiflichen Darstellungen der Planetengötter mythologische Szenen illustrieren. Da steigt Jupiter, dem Aussehen nach eher ein fränkischer König als ein antiker Gott, über einen leblos zu seinen Füßen liegenden Menschen hinweg. Und während Saturn gerade eines seiner Kinder verspeist, geht ihm eine weibliche Gestalt mit einem Messer ans Geschlecht. Die Blätter, die teils auch auf der Rückseite für Zeichnungen genutzt wurden, versperren erfolgreich den schnellen Blick auf den zweiten Raum, man muss sie schon wahrgenommen haben, bevor dann nach diesen zeichnerischen Turbulenzen in dem Porträtbild von der Hand Jan van Eycks ein ganz anderer Kosmos erforscht wird: das Gesicht des Menschen.

Zur Silberstiftzeichnung, der einzigen bekannten Zeichnung des Künstlers überhaupt, hat Wien das gemalte Porträtpendant ausgeliehen. Ob es sich bei dem Porträtierten um den Kardinal Niccolò Albergati handelt, ist nie einwandfrei belegt worden, eigentlich aber auch sekundär, weil es um ein Gesicht geht, nicht um einen Namen oder einen Stand. Das von feinen Fältchen durchzogene Antlitz des alten Mannes, der schrumpelige Hals, der introvertierte Blick, das auch vom Maler leicht vernachlässigte Gewand dokumentieren ein bürgerliches Selbstverständnis sowohl des Malers wie des Porträtierten, das es so vor Jan van Eyck, Jean Campin und Rogier van der Weyden in der Malerei nicht gab. Wobei sich jetzt in Dresden durch die Gegenüberstellung von Bild und Zeichnung nicht nur die Fragen nach dem Transfer von einem Medium ins andere verfolgen, sondern auch die Gleichwertigkeit der beiden feststellen lässt. Denn die Zeichnung, übrigens nur wenig kleiner im Format als das Bild, ist keine Studie im Sinne des Ausprobierens. Sie ist, auch in der tonalen Nuancierung durch verschiedene Silberstifte, der Malerei ebenbürtig.