Sepp Innerhofer war dabei. Damals, 1961 in der Herz-Jesu-Nacht, als die Bumser, die Bombenleger, die man in Rom Terroristen nannte, es krachen ließen und 44 Hochspannungsmasten sprengten, als in Bozen die Lichter ausgingen, doch die Welt wahrnahm, was viele Leute in den Bergen und Tälern südlich des Brenners wollten – die versprochene Autonomie.

Sepp Innerhofer war dabei. Damals, 1955, als sich ein paar Gemeindemitglieder zusammensetzten und die beispiellose Karriere ihres Dorfes anschoben.

Sepp Innerhofer hat dafür gebüßt, dass er nächtens Sprengstoff von Vent übers Hauslabjoch ins Schnalstal geschmuggelt und im bayerischen Wildbad Kreuth gelernt hat, Bomben zu zünden. Drei Jahre saß er in Haft, weit mehr als 30 Jahre lebte er als Staatenloser ohne bürgerliche Rechte. Doch da ist Sepp Innerhofer sich heute noch ganz sicher: Mit seinem Kampf gegen Rom hat er dazu beigetragen, den Sonderstatus seiner Heimat Südtirol auszuhandeln – und so letztlich auch den Wohlstand ins Land zu holen.

Am Anfang der Wohlstandsgeschichte seines Heimatorts Schenna stand er als Beirat: Der heute 77-jährige Obstbauer ist der Letzte aus dem Kreis jener Männer, die vor genau 50 Jahren den Verein für Kultur, Heimatpflege und Verschönerung gründeten, den Vorläufer des Tourismusvereins, eines Zirkels, der noch heute die Geschicke des Ortes mitlenkt.

Vor einem halben Jahrhundert war Schenna ein Bauerndorf. Mit 260 Gehöften, mit Grünflächen fürs Vieh und Ackerland, mit Obstbäumen auf Streuwiesen, Weinstöcken, ein paar Ausflugsstationen und gerade mal zwei Gasthöfen, deren Stuben so verräuchert waren, dass Sepp Innerhofer gar nicht wusste, wo er seine Hochzeit feiern sollte. Heute ist Schenna der Ort mit den höchsten sommerlichen Besucherzahlen im Alpenraum.

Sepp Innerhofer wird in Mailand der Prozess gemacht

Denn Schenna liegt einmalig schön. Auf einem sonnenbestrahlten Balkon hoch über dem Meraner Becken mit seinem wohlig-warmen Klima. Im Rücken den Hirzer und den Ifinger. Zu Füßen wie eine Spielzeuglandschaft die kleinen Ortschaften Riffian und Marling, Dorf Tirol und die Kurstadt Meran, vor Augen den Zugang zum Passeiertal, zum Etschtal und zum Vinschgau und dazu noch das Massiv des Ortler. Und rundherum Wald und Weiden, Almen und Weiler, wie geschaffen zum Wandern für nachkriegsmatte Großstädter, dachten sich die Männer des neu gegründeten Vereins. So beschlossen sie, mit 50 Tafeln die ersten Wege auszuschildern und die ersten 30 Bänke aufzustellen. Zu einer Zeit, als andere längst ins Geschäft mit dem Fremdenverkehr eingestiegen waren, zog Schenna nach und dann an fast allen vorbei.

Sepp Innerhofers Schwager Franz Mair, eins der sieben Kinder vom Prairerhof, hob 1956 eigenhändig den Boden aus für seine Frühstückspension. Im August 1957 empfing er als ersten Gast Dr.Walter aus Heinsberg, Teilnehmer eines Ärztekongresses in Meran.

Knapp ein halbes Jahrhundert später ist Franz Mairs Pension Teil des noch immer familieneigenen Vier-Sterne-Superior-Hotels Hohenwart, das durch einen unterirdischen Gang mit zwei weiteren familieneigenen Hotels verbunden ist. Aus den 18 Zimmern 1957 sind 150 geworden, möbliert im gediegen-eleganten Landhausstil, auf der riesigen Terrasse wird abends ein ambitioniertes Fünf-Gänge-Menü serviert, die Preise für die Flasche Wein liegen bei mindestens 17 Euro, für die Halbpension pro Tag und Person gern auch einmal bei über 100 Euro. Das schreckt die vielen Stammgäste nicht, sie werden in Komfort gebettet. Im Herbst wollen auch die Walters aus Heinsberg wiederkommen.

Was mein Bruder Franz kann, das kann ich auch, sagte sich Hans Mair in den späten Fünfzigern und baute, gesagt, getan, ebenfalls eine Pension. Schwester Elisabeth hatte bereits ihr Haus mit Fremdenzimmern ausgerüstet. Vorausschauend mit Warmwasser. Was die Mairs können, das können wir auch, sagten sich bald viele andere im Dorf und taten es den Mairs nach. Wer ein Haus besaß, der erweiterte es zum Hotel, wem eine Wiese gehörte, stellte eine Pension darauf, und die nächste Wiese wurde dem Cousin verkauft, der wiederum ein Hotel baute. Nur Rosa, die Schwester vom Hans und vom Franz und von der Elisabeth, war ein bisschen später dran mit ihrem Hotel. Sie musste sich um anderes kümmern, weil ihr Mann, der Sepp Innerhofer, im Gefängnis saß.

Mittlerweile werden in Schenna mehr als 5400 Bettdecken aufgeschüttelt. Es gibt allein 15 Vier-Sterne- und 35 Drei-Sterne-Hotels. Auch die beiden früheren Dorfgasthöfe sind darunter, der Schlosswirt und der Schennerhof, natürlich auf dem neusten Stand.

Vor 50 Jahren gab es zwei weithin sichtbare Fixpunkte: das Schloss und den Kirchenhügel. Das Schloss ist ein kompakter großer Kasten mit rot-weiß-roten Fensterläden und gehört den Grafen von Meran. Deren Ahnherr, der habsburgische Erzherzog Johann, liegt in einem neugotischen, spitztürmchenfiligranen Mausoleum bestattet, das wiederum liegt auf dem Kirchenhügel neben der romanischen Martinskirche und der alten und neuen Pfarrkirche, die aneinander gebaut sind. Die Schloss- und die Kircheninsel fallen noch immer ins Auge. Aber nicht mehr ganz so sehr. Denn sie sind umwoben von Beherbergungsbetrieben. Und das sieht nicht einmal hässlich aus. Denn geschickt kaschieren Giebeldä-cher, Geranien und Balkone die Um-, Aus- und Neubauten. Ein großer Hotelklotz, ein fremder Investor, sie hätten keine Chance in Schenna.

Ende der fünfziger Jahre wird vom vier Kilometer entfernten Meran herauf eine sieben Meter breite asphaltierte Straße angelegt. Auf den Tourismus bauend, spendieren die Einwohner, allen voran die Zimmervermieter, gleich einen Gehsteig mit dazu, ein paar Jahre später finanzieren die Hoteliers auch die Beleuchtung für den Ort, da haben noch nicht einmal alle Bergbauern Strom. 1960 heiratet der Pensionswirt Franz Mair seine Anna: "Wie die Frau da gewesen ist, ist es schnell aufwärts gegangen." Sie kocht. Er serviert. Und zusätzlich machen sie zusammen ein Café auf. Verkaufen Schwarzwälder Kirschtorte und Bienenstich und deutschen Kaffee. 600, 700 Stück Kuchen am Tag. Der Tourismus in Schenna entwickelt sich. 1965 wird zum ersten Mal die Übernachtungszahl von fast 100000 erreicht. Die Bombenanschläge in Südtirol tun dem Tourismus kaum Abbruch. Im Gegenteil, zwischen 1960 und 1963 verdoppeln sich die Übernachtungszahlen jährlich. Sepp Innerhofer sieht das noch heute als stille Hilfe der Deutschen. Ihm wird damals in Mailand der Prozess gemacht.