Eilig vor dem Warschau-Besuch Angela Merkels ist publik gemacht worden, für das lange umstrittene "Zentrum gegen Vertreibungen" sei nun ein Ort gefunden: die Sankt-Michaelis-Kirche zwischen Berlin-Mitte und Kreuzberg. Man könne den Plänen der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen nicht zustimmen, wurde jedoch Erzbischof Sterzinsky im Tagesspiegel zitiert, solange kein gesellschaftlicher Konsens bestehe und nicht hinreichend klar sei, was mit dem Zentrum gemeint ist.

Hinter dem Streit um die Kirche steckt mehr. Die katholischen Bischöfe wollen im September mit ihren polnischen Kollegen an den 40. Jahrestag der epochalen gemeinsamen Erklärung "Wir vergeben und bitten um Vergebung" erinnern. Das heißt: Ratzingers Kirche will, aus vielerlei Gründen, gerade jetzt den Brückenschlag. Und Angela Merkel? Ihre mühsamst und penibel austarierte Kompromissformel lautete auch in Warschau: Ja zum "Zentrum", aber keine Geschichtsrelativierung, Nein zum Vorgehen der Preußischen Treuhand, die Besitzansprüche von Deutschen in Polen vor Gericht durchpauken will. In dieser Hinsicht bekräftigt sie damit den Kanzler, auch wenn der eindeutig nein zum Zentrum sagt. Sollte sie dieses Nein später ihrer eigenen Partei abringen, wäre das viel. Dennoch wünscht man ihr mehr Mut.

Die angemessene Erinnerung an die Vertreibung, von der sie spricht, ist ja gar nicht das Problem. Das Problem ist vielmehr Erika Steinbach oder ihre Idée fixe. Viel von ihrem vermessenen Großprojekt musste Steinbach preisgeben. Gegen alle heimlichen Absichten würde das Kirchen-Zentrum auch kein Antipode zum Holocaust-Mahnmal. Dennoch gilt bislang: Dieses Zentrum gibt es nur im Paket. Man kauft verbrämten Revisionismus, Funktionärspolitik, moralische Unempfindlichkeit, nationale Ressentiments, sogar die Preußische Treuhand mit. Immer noch. Eine Formel, eine Form und einen Ort für die Anerkennung von Vertreibungsopfern hätte man auch mit Polen finden können und müssen.

In Warschau wie in Berlin kündigen sich Regierungswechsel an. Bei der polnischen Rechten entbrennt heftiger Streit um die Deutschlandpolitik. Vielen scheint eine Merkel mit Zentrum lieber zu sein als ein Schröder ohne Zentrum. Was die Neuen in Polen denken, ist aber eine Sache für sich. Wie wir die beiderseitige Geschichte sehen und wozu wir sie nutzen, ist zunächst und zuerst unsere Angelegenheit. Ein taktischer Kompromiss der Neuen wäre aber kein bilateraler "Konsens", der endlich dazu führte, dass man die "Geschichtspolitik" vergessen und auf dem gemeinsamen Umgang mit der Geschichte als europäische Nachbarn aufbauen kann. Taktik darf nicht "historische Wahrheit" ausstechen. Camouflage hilft nicht: Auf der ideologischen Basis von Erika Steinbach wäre die Michaelis-Kirche ein arger Rückschritt, auch wenn die Zeit der Erregungen nach den Wahlen in Warschau und Berlin vorbei sein sollte. Gunter Hofmann