Den Stoiber, sagt Steffen Hammerschmidt, den habe er eigentlich immer für einen fähigen Mann gehalten. Bis jetzt. Jetzt sei er von Stoiber überrascht.

Von ihm hätte ich das nicht erwartet, sagt er. Stoibers Worte von den Frustrierten im Osten, den klugen Bevölkerungsteilen in Bayern, diese Äußerungen waren schön blöd. Dann zündet sich Steffen Hammerschmidt eine Zigarette an. Er raucht die Ostmarke Cabinet, die Würzigen, für ihn gibt es keine besseren Zigaretten. Auf seinem Feuerzeug stehen die Worte Gib Wessis eine Chance, und auf dem verwitterten Schild am Eingang seines Ladens ist zu lesen: Grenzgebiet - Betreten und Befahren verboten! Von der Wand lächelt Erich Honecker, es gibt FDJ-Hemden und Ernst Buschs Lobpreis der siegreichen Sowjetsoldaten, die CD steht gegenüber dem Kühlregal voll mit Wernesgrüner Bier und Döbelner Fleischwaren. Steffen Hammerschmidt betreibt gewissermaßen die Botschaft der DDR in Bayern: Mitten in München, im Westend nahe der Theresienwiese, liegt sein DDR-Supermarkt. Es ist der einzige Laden in München, der ausschließlich Produkte aus dem Osten Deutschlands verkauft.

Fast alle Kunden Hammerschmidts sind Ostdeutsche.

Ihre Reaktionen auf die Worte Stoibers waren wie seine: Alle sind verblüfft, sagt er. Und die meisten sauer. Sogar Stammkunden, die seit Jahren in Bayern wohnten und sich kaum mehr als Ostdeutsche begriffen hätten, fangen jetzt das Grübeln an. Hammerschmidts erste Kundin an diesem Tag, Kathrin Teubner, ist mit 18 Jahren nach München gezogen, kurz nach der Wende.

Jetzt lebt sie seit 15 Jahren hier, ihr Freund ist Bayer, sie wohnt gerne in München, als Ossi sieht sie sich gar nicht. Aber als sie Stoibers Worte mitbekam, dachte sie: Das ist krass. Sie selbst habe sich nur ein bisschen beleidigt gefühlt, aber ihre Eltern daheim in Dresden seien in Rage gewesen. Das ist eine einzige Beleidigung für ihr Leben, sagt Katharina Teubner. Ich möchte einmal sehen, ob ein Herr Stoiber es geschafft hätte, in der DDR ein gutes Leben zu führen. Nicht wenige Kunden Steffen Hammerschmidts nennen Edmund Stoiber jetzt aus Ärger nur mehr den Herrn Stoiber, das ist ihm aufgefallen. Er hat den Ossi-Wessi-Gegensatz wieder befeuert, sagt er.

Hammerschmidt ist sich sicher, dass Stoiber sofort Zeter und Mordio geschrien hätte, sobald nur ein einziger Politiker von frustrierten Bayern gesprochen hätte. Die Bayern seien ein eigensinniges Völkchen, findet er, wie die Ostdeutschen auch. Die sind gar nicht so verschieden, sagt Hammerschmidt.

Ich darf das sagen.