Still schwebt das Weltraumlabor Columbus in einer gewaltigen Halle auf dem Werksgelände von EADS Space Transportation gleich hinter dem Bremer Flughafen. Im Umkleideraum hängen Dutzende weiße Kittel. Haarnetze und Schuhüberzieher liegen bereit, die vor dem Betreten der staubgeschützten Halle angelegt werden müssen. Derzeit werden sie kaum benutzt. Die in langer Reihe unter der aufgebockten Columbus angeordneten Computerbildschirme starren ins Leere. Ein einsamer Arbeiter versucht, mit seinem Handstaubsauger am Eingang der knapp sieben Meter langen Forschungsröhre ein paar Fusseln einzufangen.

Dabei sollte das Weltraumlabor längst als europäischer Teil der Internationalen Raumstation (ISS) in 400 Kilometer Höhe die Erde umkreisen und Arbeitsplätze für drei Astronauten bieten. Der Deutsche Thomas Reiter sollte als Erster an Bord gehen. Eineinhalb Jahre hat er in Bremen jeden Handgriff dafür geübt. Doch wenn er Ende des Jahres zur ISS startet, wird sein Labor noch immer in der Halle stehen. Auch nach der glücklichen Rückkehr der Weltraumfähre Discovery ist das Schicksal des amerikanischen Shuttleprogramms unklar. Und nur mit einem Shuttle kann Columbus sein Ziel erreichen.

Das fast fertiggestellte Weltraumlabor wurde gar nicht erst startklar gemacht, sondern wieder sorgsam zerlegt. Denn mehr als 300 Ingenieure, die Columbus gebaut hatten, mussten irgendwie beschäftigt werden. Sonst hätten viele gekündigt, und ihr wertvolles Knowhow wäre bei einem späteren Start nicht mehr verfügbar. Zu den Baukosten von einer Milliarde Euro stellten die Mitgliedsstaaten der europäischen Raumfahrtagentur Esa weitere 100 Millionen Euro für ein "Überbrückungsprogramm" zur Verfügung.

Und das wird noch eine ganze Weile laufen. Selbst wenn die Nasa ihre Probleme mit dem Shuttle bald in den Griff bekommt, kann Columbus nicht vor Anfang 2007 abheben. In der Bremer Montagehalle erscheint die glitzernde Röhre von außen noch immer fast startbereit, doch innen sieht es aus wie in einem ausgeschlachteten Trafohäuschen. An der Stirnseite sind noch die Kästen mit den vier Zentralrechnern zu sehen, der Rest ist leer geräumt. Dicke Kabelbäume hängen aus den Aluminiumwänden. Alle Regale mit Laborgeräten, die so genannten Racks, wurden an die Hersteller in Italien, Frankreich, Deutschland und den USA zurückgeschickt.

"Für die Ingenieure ist die Wartezeit natürlich frustrierend", sagt Columbus- Koordinator Helmut Luttmann. Die Columbus- Zentralrechner arbeiten mit 486er Prozessoren. Die sind zwar besonders robust, stammen aber aus dem Jahr 1989 und werden längst nicht mehr hergestellt. Noch bevor das Labor in Betrieb geht, veraltet die Technik.

Die Überalterung droht auch den ausgewählten Forschungsvorhaben. Manches Projekt wurde schon vor mehr als zehn Jahren geplant. Die Hälfte der 12 Columbus- Laborregale steht der Nasa zur Verfügung – als Gegenleistung für Transport- und Betriebskosten. Nahrungserzeugung im All, Astronautentraining und -medizin stehen im Mittelpunkt der amerikanischen Forschungspläne, die nun vor allem der Vorbereitung eines bemannten Marsfluges dienen sollen. Für die europäische Hälfte des Weltraumlabors wurden 404 Experimente ausgewählt, vor allem aus Medizin, Biologie, Physik und Materialwissenschaft.

Auch einige dieser Vorhaben stehen im Dienst der Raumfahrt. Die meisten europäischen Experimente nutzen die besonderen Bedingungen im All jedoch nur, um irdische Prozesse besser zu verstehen. So wollen Geophysiker der Technischen Universität Cottbus die Strömungsverhältnisse im Erdinneren erforschen. Dafür haben sie ein Modell gebaut, in dem Silikonöl in einem Spalt zwischen dem festen Kern und der festen Oberfläche einer Kugel frei zirkulieren kann. Den Verhältnissen im Erdinneren entspricht diese Simulation aber nur, wenn sie in der Schwerelosigkeit durchgeführt wird. Auf dem Erdboden verfälscht die Gravitation die Strömungsverhältnisse im Kernspalt. Auch das Mischungsverhalten von Flüssigkeiten und die Prinzipien der Kristallbildung lassen sich in der Schwerelosigkeit besonders gut studieren.

Anwendungsnahe Forschung oder gar Produktion wird es an Bord des Weltraumlabors dagegen auf absehbare Zeit nicht geben. Zwar will die Esa ein Drittel ihrer Forschungskapazität an die Industrie verkaufen, bisher konnte sie aber noch kein einziges Unternehmen dafür gewinnen. Auch für die immer wieder als Nutzen der Raumfahrt zitierte Herstellung neuer Medikamente gibt es bisher keinen Interessenten. Das liegt nicht nur am unklaren Starttermin von Columbus. "Die Raumfahrt hat einen schlechten Ruf in der Industrie", sagt Hartmut Ripken, der beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) für die Columbus- Vermarktung zuständig ist. "Sie gilt als arrogant und realitätsfern." Nicht bei null, sondern "bei minus drei bis vier" habe er deshalb mit seinen Akquisitionsbemühungen anfangen müssen. Dabei sind der industriellen Forschung und der Nutzung von Columbus als Reklameträger kaum Grenzen gesetzt. Die Esa-Statuten schließen lediglich Vorhaben aus, die in irgendeiner Form mit Waffen, Pornografie, Politik, Drogen, Glücksspiel, Alkohol oder Tabak in Verbindung stehen.

Abschreckend ist jedoch der Preis der Weltraumforschung. Unter 100.000 Euro geht gar nichts. Wer ein Experiment von der Größe eines Schuhkartons für drei Monate an Bord von Columbus durchführen will und dafür drei Astronauten-Arbeitsstunden und 100 Kilowattstunden Energie benötigt, zahlt rund eine Million Euro – Rücktransport des Experimentierguts inklusive.

Dabei lassen sich kürzere Versuche in der Schwerelosigkeit auch wesentlich einfacher durchführen – mit kleinen unbemannten Raketen, an Bord von Parabelfliegern oder, nur ein paar Kilometer von der einsamen Columbus entfernt, in der Kapsel des 145 Meter hohen Bremer Fallturms. Dort dauert die Schwerelosigkeit zwar nur knapp zehn Sekunden, kostet dafür aber auch gerade einmal 3.000 Euro.