Erst knackt es im Unterholz, dann bricht sich etwas Bahn, schwer, schnell, schnaubend. Ein Hund? Ein Hirsch? Ein Kamerateam. Im Sucher: ein Holzkreuz von biblischen Ausmaßen. Seit mehr als vier Wochen zieht es von Dresden im Osten nach Köln im Westen, bergauf, talwärts, getragen von jungen Leuten, weil es der Papst, der verstorbene, sich vor 20 Jahren so gewünscht hat. Alle fünf Tage kommt die Ablösung, eine neue Gruppe übernimmt. Der Jugend der Welt hat Johannes Paul II. dieses Riesentrumm Holz gewidmet mit dem Auftrag, die Liebe Jesu Christi hinauszutragen unter die Menschen, gezeichnet Giovanni Paolo II, Ostern 1984 – daran erinnert die schlichte Metallplatte, die auf den Längsbalken geschraubt ist. Fortan war das Kreuz das Kreuz zum Event. Immer wenn der Papst auf Weltjugendtagen sprach, stand es an seiner Seite. So sollte es auch in Köln 2005 sein, beim ersten Weltjugendtag auf deutschem Boden. Nun ist Johannes Paul tot, sein Kreuz wandert weiter, dem neuen, deutschen Papst entgegen. Beim Abschlussgottesdienst am Sonntag, den 21. August, werden sie dann nebeneinander stehen, Benedikt XVI. und das Kreuz seines Vorgängers.

Die zwei Dutzend Pilger sind nicht allein. Die Liebe des Herrn ist mit ihnen und der WDR. Außer dem Kamerateam begleiten den Pilgerzug heute ein Weihbischof auf Basisbesuch, eine Soziologin auf Feldforschung, eine katholische Theologin vor der Examensarbeit und ein ZEIT- Reporter. Sie eint eine Frage: Der deutsche Papst kommt zur Jugend – doch wer hört noch auf ihn?

Marietheres, 27, hat gerade dem TV-Team ein Interview gegeben. Jetzt ist sie sauer, auf das Fernsehen, aber mehr noch auf sich selbst. Sie ist in die Fundi-Falle getappt, obwohl sie den Braten gerochen hatte. Ungeschützt hat sie alles geliefert, was die nette Reporterin auf der Suche nach Jesus-Fundis aus ihr herauskitzeln wollte. Ja, mittwochs und freitags isst sie freiwillig nur Wasser und Brot. Ja, sie ist gegen Sex vor der Ehe. Ja, sie geht zu einem Gebetskreis, sooft sie eben kann. "Dann sollte ich das alles noch mal am Stück sagen, fasten, beten und kein Sex!" Da hat es ihr gereicht, das hat sie nicht mehr mitgemacht. "Da denkt ja jeder gleich, ich spinne!" Aber wenn’s nun mal ihre Überzeugung ist? Marietheres schnaubt. Sie ist fromm, aber nicht blöd. Sie weiß, wer seinen Glauben zu laut vor sich herträgt, gilt in Deutschland schnell als durchgeknallt. Darauf hat sie keine Lust, schließlich will sie Leute überzeugen.

Auf ihrem dunkelblauen Sweatshirt steht "Totus Tuus", Latein für "Ganz Dein". So heißt die geistliche Gemeinschaft, der Marietheres angehört – eine der vielen jungen Laienbewegungen in der katholischen Kirche mit starkem Zulauf und fest umrissenem Weltbild. Totus Tuus, das ist dezenter als "Jesus liebt Dich", trotzdem geht es auch hier um Bekehrung oder – profan ausgedrückt – Mitgliederwerbung.

Von Buenos Aires nach Manila und Toronto ist das Kreuz schon gewandert, heute geht es durch Mittelhessen, von 35075 Gladenbach nach 35756 Mittenaar-Bicken. Sanfte Hügel, rauschender Wald und ab und zu eine Autowaschanlage, es könnte überall sein in Deutschland. An der Liebe Jesu Christi schleppen an diesem Nachmittag im Regen je drei Leute 500 Meter, dann wird gewechselt, am Berghang etwas öfter. Im Wallfahrts-Alphabet des Pilgerhefts steht Jesus Christus zwischen I wie Insektenstiche und L wie Lunchpakete.

Auch Sabrina, 18, trägt ein Totus-Tuus-Oberteil. Sie weiß das Datum auswendig, an dem Johannes Paul aus der Pilgerschar im Vatikan plötzlich die Totus-Tuus-Gruppe zu sich rief: "29. Oktober 2003. Ich hatte die Einlasskarte 5001." Auch Sabrina fastet mittwochs und freitags, auch sie weiß, dass sich das schräg anhört für eine Generation, die bei Hunger den Pizza-Service ruft. "Water and bread…" – Sabrina grinst – "…makes me glad." Irgendeiner aus dem Freundeskreis hat den Spruch erfunden, jetzt rufen sie ihn sich zu, wie eine Parole, halb stolz, halb sarkastisch. Spinnen wir – oder der Rest der Welt? In der Parole schwingt Zweifel mit, aber er wird im gleichen Atemzug erledigt, so wie man sich eben in der Postmoderne seiner Zweifel entledigt, mit einem Schuss Selbstironie: Water and bread makes me glad.

"Mein Stern ist Jesus, der Papst ist nicht ewig da"