Lance Armstrong war all die letzten Jahre mein großer, souveräner Gegner. Jahrelang habe ich davon geträumt, ihn zu schlagen. Jetzt, wo er abgetreten ist, werde ich meinen Lebenstraum ohne ihn weiterträumen: den Traum, die Tour de France, das härteste Radrennen der Welt, noch einmal zu gewinnen. Gegner wird es immer geben.

Ich habe so viele gute Platzierungen gehabt, so viele zweite Plätze eingefahren, jetzt möchte ich es noch mal wissen. Die Qualen, die wir uns da antun, die Schmerzen, die wir über Stunden aushalten, kann nur ein Radprofi ermessen. Der Traum vom Sieg treibt mich nicht nur in den Momenten an, in denen ich meinen inneren Schweinehund mit allerletzten Reserven überwinden muss. Er trägt mich durchs ganze Jahr, er bringt mich dazu, mich unentwegt über meine Grenzen hinaus zu quälen. Alle Rennen von November an sind ausgerichtet auf diesen einzigen Traum.

Jeder Radprofi muss schnell vergessen können, vor allem die Schmerzen, sonst wäre es mit dem Traum schnell vorbei. Manchmal komme ich nach der Bergetappe oben an und bin so am Ende, dass ich beschließe: Ich werde Schachspieler. Aber kaum komme ich aus der Dusche, bin ich fest entschlossen, mich am nächsten Tag weiterzuschinden.

Diese Fähigkeit habe ich seit Kindertagen herausgebildet. Seit ich Sport treibe, wollte ich ein Nationaltrikot tragen, wenn nicht gar Weltmeister werden, egal, in welcher Sportart. Als die Mauer fiel, fing ich an, von der Tour de France zu träumen. Meine Mutter wusste, dass sie meine Energie kaum bändigen konnte, und war froh, dass ich im Radsport mein Ventil gefunden hatte.

Die Familie hat mich immer uneingeschränkt unterstützt, ebenso meine Trainer, meine Sportkameraden, aber das Entscheidende ist, dass man etwas selber will; mein Umfeld hat mich letztlich nur gelenkt. Kaum hatte ich mein erstes Radrennen im Alter von neun Jahren gewonnen, war ich heiß. Und blieb heiß auf den Erfolg.

Ich will mein Leben leben, ich will meine Persönlichkeit ausleben, das habe ich mir schon vor langer Zeit geschworen. Als man nach meinem ersten Gewinn der Tour de France 1997 anfing, mich als Lichtgestalt, als Helden hochzuschreiben, dachte ich mir immer: Bleib, wie du bist, werd bloß kein Schauspieler. Für mich hat das eigentlich ziemlich gut funktioniert. Ich weiß, dass ich für viele eine Vorbildfunktion habe, aber auch mir passieren folgenschwere Fehler. In den Jahren 2002 und 2003, als ich schwer strauchelte, weil ich in einer Diskothekennacht zwei Ecstasy-Pillen geschluckt hatte und daraufhin positiv getestet wurde, bekam der Mythos zum ersten Mal Risse. Auch ich bin nur ein Mensch. Am schwersten auszuhalten war für mich in dieser Zeit der Verlust jeglicher Privatsphäre.

Einerseits möchte ich den Fans für ihre Verehrung, für ihren unglaublichen Ansporn danken – es ist faszinierend, zu wissen, dass ich derjenige bin, der Abertausende johlend an die Strecke zieht. Ich selbst habe mir als junger Kerl nie Autogramme geholt, weil ich zu schüchtern war, aber wenn ich heute die kleinen Steppkes mit strahlenden Augen da stehen sehe, bin ich gerührt. Es macht mich glücklich und stolz, wenn ich nach einer Tour Tausende von E-Mails bekomme und dann lese, dass jemand seinem Sohn meinen Namen gibt oder einer mir schreibt, ich hätte sein Leben verändert.