Knistern in der Telefonleitung, dann eine Männerstimme - als wäre Thomas Reiter schon im All. Doch das Rauschen ist kein kosmisches: Reiter telefoniert mit dem Handy von Köln aus, wo er für seinen nächsten Weltraumeinsatz trainiert. Voraussichtlich im November soll er zur Internationalen Raumstation ISS fliegen. Geplant war der Start für Juli.

Am 1. Februar 2003 geschah die Katastrophe: Die Raumfähre Columbia zerbrach kurz vor der Landung, alle sieben Astronauten starben, Wrackteile und Asche regneten auf den Raumflughafen Cape Canaveral. Nun der Probeflug des Columbia-Schwesterschiffs Discovery vergangene Woche: wieder Schäden an der Fähre, Bangen um die Crew. Am 9. August 2005 landet das Schiff sicher, der Schrecken bleibt.

Was denkt einer wie Reiter, der bald in ein Shuttle steigen soll, über die jüngsten Probleme bei der Nasa? Hat er noch die Bilder der Columbia-Katastrophe vor Augen?

Es war Samstag, erzählt er, als er mit seiner Familie im Auto vom Einkaufen nach Hause fuhr und im Radio von dem Unglück hörte. Eines der Opfer kannte er gut, den Amerikaner Dave Brown. Beide hatten zusammen an der Entwicklung eines Atemgeräts gearbeitet. Ich war entsetzt, sagt er und fügt gleich hinzu, er wolle nicht skeptisch klingen. Die Shuttles waren noch nie so sicher wie nach dem Unglück. Aber: Es bleibt immer ein Restrisiko. Zweifel am Beruf? Nein, nie. Die Raumfähre Discovery musste jüngst während des Fluges in einer riskanten Aktion repariert werden. Auch das beunruhigt Reiter nicht.

Er kritisiert die Berichterstattung, sie überzeichnet, sagt er. Der Nasa sei es auch um die Erprobung der Reparaturmethode gegangen. Reiter ist keiner, der Angst hat. Oder er kann sie sehr gut verstecken - auch vor sich selbst.

Astronaut werden, das wollte er schon, als er mit elf Jahren die Mondlandung im Fernsehen sah. Nun fliegt er als erster Deutscher zur ISS. Stolz? Na ja, sagt er. Hauptsache im All. Lieber erzählt er von der russischen Raumstation Mir. 179 Tage verbrachte er vor zehn Jahren dort, ein Rekord. Allein der Blick aus dem Fenster, süchtig könne man davon werden, aber auch traurig: Wenn die Kontinente vorbeiziehen und man sieht, wie der Regenwald brennt, und die Schneisen sieht, die in dieses grüne Meer geschlagen werden, dann wird man nachdenklich. Und dann der Blick auf Zeitungen, die ihm von der Bodenstation per mail hochgeschickt wurden. Die Schlagzeilen kamen ihm unwichtig vor. Auch deshalb sei es gut, dass Menschen ins All flögen, sagt er, und keine Roboter. Damit jemand erzählen könne: Wie war es da oben? Wie fühlt sich das an?

Herr Reiter, was sind das für Menschen, Astronauten? Abenteurer, aber nicht nur. Leute, die sich für die Wissenschaft begeistern. 15 Kilo Gepäck darf Reiter mitnehmen. Was zum Beispiel? Auf der ISS gebe es eine Gitarre, sagt er. Er packe Ersatzsaiten ein. So wird es wohl sein: Reiter schaut aus dem Fenster und spielt. Am liebsten Pink Floyd.