Nach 38 Jahren Besatzung zieht sich Israel aus dem Gazastreifen zurück. Die israelischen und palästinensischen Medien berichten seit Tagen über kaum etwas anderes. Auch Samira und Dalya, zwei Doktorandinnen in Erziehungswissenschaften in Jerusalem, verfolgen Tag für Tag die Ereignisse. Die zwei jungen Israelinnen sind eng miteinander befreundet, Dalya ist Jüdin, Samira Palästinenserin. Eine solche Freundschaft ist noch immer eine Besonderheit in diesem Land. Wir haben die beiden befragt, wie sie die derzeitigen Ereignisse in Israel erleben.

ZEIT online: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie die Bilder sehen, wie die Siedler ihre Häuser verlassen und sich teilweise harte Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften liefern?

Dayla: Ich bin sehr froh darüber, dass der Gazastreifen geräumt wird, denn ich glaube, es ist ein längst überfälliger Schritt. Gleichzeitig haben mich die Bilder sehr betroffen gemacht. Rein menschlich gesehen ist es natürlich schrecklich, dass diese Menschen aus ihrem Zuhause ausziehen müssen.

Samira: Auch ich verstehe, dass das für die Siedler schwer ist. Dennoch geht es hier in erster Linie nicht um die bemitleidenswerten Siedler, sondern um die Palästinenser. I m Gazastreifen leben über eine Million Palästinenser , und ihr Leben wurde bisher von wenigen tausend jüdischen Siedlern bestimmt, die dort unrechtmäßig lebten. Durch den Abzug wird diese historische Ungerechtigkeit behoben.

ZEIT online: Wie ist die allgemeine Stimmung in Israel?

Dalya: Es gibt einen harten rechten Kern in Israel, der an den Siedlungen im Gazastreifen festhält. Doch die Mehrheit der Juden befürwortet den Rückzug. Für die meisten ist es ein schmerzvoller, aber richtiger Schritt.

ZEIT online: Die Siedler schrecken vor Gewalt nicht zurück.

Samira: Die Fernsehbilder zwingen die jüdische Gesellschaft zu einer Auseinandersetzung mit der Gewaltbereitschaft der Siedler. Auch in der Vergangenheit haben Teile der Siedlergemeinschaft aggressiv und gewalttätig agiert, Hauptopfer waren zumeist die Palästinenser.

ZEIT online: Besteht wegen des Gaza-Abzugs Hoffnung auf Wiederbelebung des Friedensprozesses?

Dalya: Ich möchte optimistisch sein, denn ich glaube, wir haben keine Alternative. Die Palästinenser und Juden werden sich andernfalls gegenseitig vernichten. Der seit mehr als 50 Jahren anhaltende Krieg zerstört die israelische Gesellschaft. Nicht nur die Wirtschaft wird von dem Konflikt schwer getroffen, sondern auch die Gefühle und Psyche der Menschen verändern sich. Israel hat die Mentalität eines Soldatencamps angenommen. Dieser Konflikt ruiniert unsere Seelen. Kein Tag ist normal. Die Strategie des Krieges beizubehalten, wäre eine Tragödie für beide Seiten.