Das Mikrofon am Platz von Richter Ernst-Rainer Schudt ist auf Sitzhöhe angebracht. Doch bei der Urteilsverkündung steht er. Deshalb versteht kaum jemand hinten auf der mit Glas abgetrennten Zuschauerbank, was er sagt.

Die Journalisten flüstern nervös hin und her. "Vier Jahre? Sieben Jahre? Hast Du das verstanden?" Man einigt sich auf sieben.
In der Tat, zu sieben Jahren Freiheitsstrafe hat das Hamburger Oberlandesgericht den 31-jährigen Mounir el-Motassadeq am Freitag Morgen verurteilt. Er sei Mitglied einer terroristischen Vereinigung gewesen, die die Attentate des 11. September 2001 vorbereitet habe, befanden die fünf Richter. Wegen Beihilfe zum 3066-fachen Mord, wie von der Bundesanwaltschaft gefordert, verurteilten sie ihn nicht.

In seiner Urteilsbegründung übte Richter Schudt heftige Kritik an den amerikanischen Justizbehörden. Wegen deren Weigerung, den mutmaßlichen Mitverschwörer Ramsi Binalshib von dem deutschen Gericht verhören zu lassen, war das Revisionsverfahren vorm 4. Strafsenat erst notwendig geworden. Ein "schwarzes Loch" in der Beweisführung hatte der Bundesgerichtshof nach dem ersten Hamburger Prozess gegen Motassadeq gerügt (gemeint war eine großes Loch). Dieses Loch wurde im Revisionsverfahren nur wenig  kleiner. Die US-Regierung verwehrte dem Gericht "trotz beharrlichen Drängens" (Schudt) weiterhin jede Vernehmung des Terrorverdächtigen, der wahrscheinlich im Internierungslager Guantánamo festgehalten wird. Lediglich ein Fax mit Zusammenfassung von Aussageprotokollen erhielt das OLG.

"Ein Trauerspiel", nannte Richter Schudt dieses Verhalten der US-Behörden. Deren "beschränkte Rechtshilfe" sei "äußerst unbefriedigend" gewesen. Wichtige Beweise seien dem Gericht "schlicht vorenthalten" worden. Gegenüber derartigen Geheimschutzinteressen habe man "Unverständnis". Diese Worte Richtung Washington sollten ganz klar eines verdeutlichen: So geht es unter befreundeten Staaten nicht weiter. Die Beweisführung, so Schudt weiter, sei im islamistisch-extremistischen Milieu ohnehin schwierig genug. Al-Qaida setze sich zusammen aus "flüchtigen Zellen", deren Mitgliedschaft sich kaum nachweisen lasse.

Der Attentätergruppe attestierte das Gericht, das "militante Gedankengut des Osama bin Laden" aufgesogen zu haben, die Ideologie vom weltweiten "Dschihad gegen Amerikaner und Juden". In diesem Zusammenhang ließ Schudt einen bemerkenswerten Satz fallen. "Die unsägliche Verknüpfung von Religion und Terror", so der Vorsitzende, "war der Nährboden für diese Taten." Mohammed Atta und seine Mitstreiter hätten sich von Allah geleitet gefühlt sich mit der "Aussicht auf einen bevorzugten Platz im Paradies" ins World Trade Center gestürzt. "Das war Terror als Gottesdienst."

Die Verteidigung hatte bereits angekündigt, im Fall einer Verurteilung Berufung einzulegen. Das letzte Wort in der Sache Motassadeq - es ist vielleicht noch immer nicht gefallen.