Als meine erste Regierungskoalition 1995 ins Amt kam, war Finnland in einer heftigen Schuldenspirale gefangen. Zur Konsolidierung des Staatshaushalts sparten wir vier Milliarden Euro ein, damals mehr als vier Prozent unseres Bruttosozialprodukts. Um gleichwohl unsere Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, erhöhten wir trotz Einsparungen die Forschungs- und Entwicklungsausgaben von 2,2 Prozent des Bruttosozialprodukts auf 3,2 Prozent, später auf 3,5 Prozent. Die Bildungsausgaben stiegen zwischen 1995 und 2003 real sogar um 16 Prozent, und wir bauten die Kindertagespflege kräftig aus.

Dank dieser Weichenstellung zählt der finnische Staatshaushalt heute zu den solidesten der ganzen EU, und 2002 wurde unsere Volkswirtschaft vom World Economic Forum zur weltweit wettbewerbsfähigsten gekürt. Trotzdem war der Pisa-Erfolg unseres Schulsystems auch für uns selbst eine Überraschung. Unser Spitzenplatz im internationalen Vergleich beruht auf einer vielseitigen Entwicklung der einheitlichen neunjährigen Grundschule.

Geld ist dabei nicht allentscheidend. Finnlands Wettbewerbsfähigkeit stützt sich auf ein wirksames Innovationssystem. Erst das hohe Bildungsniveau der gesamten Gesellschaft ermöglicht unserer Wirtschaft die hochwertige Produktion. Offenheit und Zusammenarbeit in der Innovationskette von Universitäten, Unternehmen und Verwaltung steigern die Wirksamkeit des eingesetzten Geldes.

Nach Ansicht des Harvard-Professors Jeffrey Sachs ist das hohe Bildungsniveau aller Finnen, unabhängig von der sozialen Herkunft, ausschlaggebend für den volkswirtschaftlichen Erfolg. Das finnische Schulsystem steigert das Innovationspotenzial der Gesellschaft, indem es zu selbstständigem Arbeiten anspornt und stures Auswendiglernen sowie Leistungswettbewerb zwischen Schülern vermeidet. Die Schüler schreiten im eigenen Tempo voran. Es geht dabei nicht um Gleichmacherei. Jeder Schüler erhält die Aufmerksamkeit, die seinem jeweiligen Lernfortschritt entspricht.

Besonders wichtige Faktoren sind die gute Hochschulausbildung von Lehrern (zu der auch die laufende Fortbildung während ihres Berufslebens gehört) sowie die Arbeitsmotivation durch eine Organisation ohne strenge Hierarchien.

Zu den zentralen Prinzipien des finnischen Schulsystems gehört die Vermeidung von regionalen Unterschieden. Laut Pisa sind die Leistungsunterschiede zwischen Regionen, Gesellschaftsgruppen und Schulen in Finnland außergewöhnlich gering. Gleichberechtigung hat bei uns eine starke Tradition. Mädchen schneiden in der Schule besser ab als Jungen, und der hohe Ausbildungsgrad von Frauen ermöglicht die Teilnahme am Arbeitsleben insbesondere im öffentlichen Sektor. Zugleich zählt die Geburtenrate in Finnland zu den höchsten der gesamten EU.

Der Zusammenhang zwischen Investitionen in Bildung und einer kräftigen Volkswirtschaft wird von Neoliberalen häufig übersehen, wenn nach immer niedrigeren Steuern, immer weniger öffentlichen Ausgaben und immer weniger Staat gerufen wird. Doch eine solide Ausbildung beugt sozialer Ausgrenzung vor. Dadurch entfallen später kostspielige Bildungs- und Eingliederungsmaßnahmen, die eine nicht ausreichende Schulbildung kompensieren sollen.