Es gehe nicht nur darum, von Studenten in Zukunft bis zu 500 Euro pro Semester zu verlangen. Sagen zumindest die Befürworter von Studiengebühren. Es gehe um viel mehr, nämlich darum, endlich den Geist von Wettbewerb und Effizienz in Deutschlands Hochschulen einziehen zu lassen.

Das Argument lautet: Wenn Studenten für ihre Seminare und Vorlesungen Geld auf den Tisch legen müssen, können sich Professoren nicht mehr erlauben, Veranstaltungen ohne Vorankündigung ausfallen zu lassen oder Seminare wegen Überfüllung zu schließen. Schon die Erstsemester werden sich zu anspruchsvollen Kunden entwickeln, und damit beginnt der Wettbewerb zwischen den Hochschulen: Die beste Uni zieht die meisten zahlenden Studenten an, erhält dadurch mehr Geld und kann wiederum bessere Qualität anbieten. Das funktioniert sogar hundertprozentig, da parallel mit der Einführung von Studiengebühren die Hochschulen freier als bisher über ihre Budgets verfügen dürfen: Die Hochschulleitung entscheidet, oft gemeinsam mit Studentengremien, wofür die Millionen aus den Gebühren verwendet werden, für längere Öffnungszeiten der Bibliotheken etwa oder zusätzliche Tutorien. Auf keinen Fall soll mit den Studentenbeiträgen Geld des Staates ersetzt werden, versprechen die Gebührenfans. Und damit Gebühren nicht zu neuen Härten führen, entwickeln die Länder ein System von günstigen Studienkrediten, die eine volle Finanzierung des Studiums sowie des Lebensunterhalts ermöglichen sollen. Die Rückzahlung wird erst nach Studienende und ab einer gewissen Einkommenshöhe fällig: Dies ist ein Konzept, das die Studienfinanzierung erstmals wirklich elternunabhängig machen würde, im Gegensatz zum Bafög.

So gesehen könnte die Einführung von Studiengebühren am Ende sogar mehr Erstsemester anlocken. So war es auch in anderen Ländern, die ein vergleichbares System eingeführt haben, in Australien etwa, wo die Zahl der Studenten sich mehr als verdoppelte. Und es gibt weitere sozialpolitische Argumente für ein Bezahlstudium. Zum Beispiel, dass derzeit noch wegen des geringen Anteils von Arbeiterkindern unter den Studenten der Handwerker mit seinen Steuern der Arzttochter das Studium mitfinanziert. Fürs Studium anderer werden auch jene Millionen Eltern zur Kasse gebeten, die selber für ihre eigenen Kinder viel Geld aufbringen müssen, etwa um sie in Kindergärten und Kindertagesstätten unterzubringen. Im Gegensatz zum Studium ist es in Deutschland ganz normal, für die Elementarbildung Geld zu verlangen. Volkswirtschaftlichen Unsinn nannte das der Sachverständigenrat der Bundesregierung und fordert eine Kehrtwende, da die Gesellschaft von der Bildung aller im Vorschulbereich weitaus mehr profitiere als von der späteren Alimentierung privilegierter Schichten. Studiengebühren könnten sich also als bildungs- und sozialpolitischer Fortschritt erweisen.

Doch genau mit diesem Konjunktiv beginnt auch das Problem. Wird in Deutschland über die vorteilhaften Wirkungen von Studiengebühren diskutiert, geht das nur in der Möglichkeitsform. Denn trotz aller Beteuerungen, die Gebühren sollten den Hochschulen vollständig zugute kommen, rechnen einzelne Bildungsminister schon gegen und planen, die Staatsfinanzierung zumindest auf dem gegenwärtigen Stand einzufrieren oder sogar zu kürzen. All das erinnert an ein altbekanntes Schema: Auch in Australien hat sich das staatliche Engagement für die Hochschulen seit Einführung der Gebühren drastisch verringert.

Die Vorteile eines gebührenfreien Studiums dagegen liegen auf der Hand. Ohne Zeit- und Kostendruck können junge Menschen an den Hochschulen so lange studieren, bis sie wirklich einen Bildungsgrad erreicht haben, der sie zur aktiven Arbeit befähigt. Ein kostenpflichtiges Studium, sagen die Gebührengegner überdies, lasse Begabungen brachliegen, was sich Deutschland im weltweiten Wettbewerb nicht mehr leisten könne. Gerade die finanzschwächeren Studenten würden durch Gebühren abgeschreckt. Zweifellos ist das kostenfreie Studium auch im Konkurrenzkampf um die besten ausländischen Studenten ein Vorteil – ein Wettbewerb, in dem Deutschland in den vergangenen Jahren hervorragend abgeschnitten hat. Etwa 250000 Gastakademiker studieren in Deutschland, nur in den USA und Großbritannien sind es noch mehr. In einem sind sich die Gebührengegner mit den Befürwortern übrigens einig: Kindergärten sollten ebenfalls kostenlos sein. Aber nicht auf Kosten der Studenten. Jan-Martin Wiarda