Dieser Wahlkampf ist kurz. Und schnell. In hohem Tempo strebt er von der Illusion zur Realität. Dass sich Gerhard Schröder wie Edmund Stoiber schon wieder in einem Gummistiefel-Wettlauf befinden und jeder den Wiederholungszwang erkennen kann, zeigt: Die Zeit der Show-Einlagen ist vorbei. Binnen dreier Wochen sind schon drei prächtige Fassaden eingestürzt.

Fassade Nummer eins: Rot-Grün kann es noch schaffen. Diese These wird nur vom Kanzler und seinem Vize noch vertreten. Und auch deren Veranstaltungen glänzen lieblich in der Abendsonne, schön ist es – und spät. Derweil diskutieren führende Sozialdemokraten andere Koalitionsoptionen. Schon bringen sich Kräfte für die Nach-Schröder-SPD in Stellung, die mit längerem Opponieren rechnen (siehe S. 6 und 7).

Fassade Nummer zwei: Es kommt auf Edmund Stoiber an. Der Scheinriese aus Bayern hat sich als normalwüchsig herausgestellt. Was Angela Merkel nie wirklich gelang, das hat Stoiber durch seine Eskapaden selbst vollbracht: Er kann nicht mehr so tun, als sei er Fast-Kanzlerkandidat. Zugleich hat er seine CSU auf ihr Realmaß zurechtgestutzt. Neun Prozent beträgt ihr Stimmenanteil im Bundestag, neun Prozent kann darum auch nur ihr politisches Gewicht betragen. Das Zurechtstutzen der CSU durch Stoiber ist jedoch mehr als eine nur quantitative Frage. In den vergangenen Jahren hat die Bayernpartei mit dem großen S die Politik der Union insgesamt verunklart und im Namen eines konventionellen Begriffes von sozialer Gerechtigkeit nach links verschoben (mit Unterstützung von Teilen der CDU). Die Schwächung der Bayern trägt nun zur wichtigsten Klärung bei, die dieser Wahlkampf bislang hervorgebracht hat.

Fassade Nummer drei: Die deutsche Krankheit ist schwer, aber die Therapie ist leicht. Ursprünglich lautete die Taktik der Union so: Man formuliert eine plakative Zumutung (Mehrwertsteuer-Erhöhung), um glaubwürdig zu sein und um nach der Wahl nicht der Lüge bezichtigt zu werden. Ansonsten setzt man lieber darauf, dass ebenso tiefgreifende Reformen wie bei der Schröder-Agenda durch perfektes Handwerk zu besseren Ergebnissen führen könnten. Dieser Wahlkampf wurde zunächst durch die handwerklichen Pannen in der Union, auch der Kandidatin, infrage gestellt. Doch zu einer – nolens volens – veränderten Strategie führte das erst, als Paul Kirchhof ins Schattenkabinett kam.

Kirchhofs Nominierung brachte einen Schuss Radikalität in den Wahlkampf, der selbst von der CSU nicht mehr eliminiert werden kann. Tatsächlich will nicht nur Kirchhof weiter gehen, als es das Wahlprogramm der Union erlaubt, Ursula von der Leyen will das auf dem Feld der Gesundheit ebenfalls – und in Wahrheit auch die Kandidatin selbst. Das Kompetenzteam der Union ist nicht nur radikaler als das Programm, es ist genau aus diesem Grund auch ehrlicher.

Diese Akzentverschiebung lässt sich kaum zurückdrehen, denn sie entspricht durchaus einem Bedürfnis der Bürger nach klaren Alternativen. In den vergangenen zwei Jahren, seit Ausrufung der Agenda 2010, hat sich eine schwer erträgliche politische Unkultur etabliert, die der scheinbaren Alternativlosigkeit. Im Bundestag saßen, allen Differenzen im Detail zum Trotz, vier Agenda-Parteien. Dass sich da irgendwann eine Anti-Agenda-Partei herausbilden würde, war zu erwarten und ist zu begrüßen, selbst wenn man die Politik der Linkspartei in der Sache ablehnt.