Schöne neue Steuer-Welt: kein Ärger mehr mit dem Finanzamt, gerechte und erträgliche Lasten für alle Bürger, ein einfaches System, das jeder versteht. Die Steuererklärung ist in zehn Minuten erledigt. Und weil sich niemand mehr am Fiskus vorbeimogeln kann, kommt auch noch genügend Geld zusammen, um schon bald die desolaten Staatsfinanzen zu sanieren.

Ein Traum? Mit dem Wissenschaftler und ehemaligen Verfassungsrichter Paul Kirchhof hat sich Angela Merkel einen Mann in ihr Wahlkampfteam geholt, der genau diesen Wunschtraum verwirklichen will. Keiner will so radikal wie er die Einkommensteuer ändern. Weil das geltende System nach seiner Überzeugung nicht zu reformieren ist, plant er eine Revolution: keine Vergünstigungen und keine Ausnahmen mehr von der Steuerpflicht. Dazu, von Nachlässen für geringe Einkommen abgesehen, ein einheitlicher Steuersatz von 25 Prozent für alle.

Kein Zweifel: Das deutsche Steuersystem ist kompliziert, ungerecht und ineffizient. Das gesamte Abgabenrecht mit seinen vielen Bemessungsgrundlagen, Steuertarifen und -sätzen, Sonderregelungen, Freibeträgen und Höchstgrenzen steckt voller Widersprüche. Wer sich im Vorschriftendschungel gut auskennt und besonders geschickt trickst, entkommt dem Fiskus. Auch bei gleichen Einkommen gibt es gewaltige Differenzen in der Steuerlast. Längst ist es ein Trugbild, dass jeder entsprechend seiner Leistungsfähigkeit Steuern zahlt.

Doch wie gerecht ist Kirchhofs Modell? Würden wirklich sämtliche Ausnahmen, Schlupflöcher und Privilegien abgeschafft, wäre die so genannte horizontale Steuergerechtigkeit erreicht – alle Einkommen gleicher Höhe würden mit der gleichen Steuerlast belegt.

Anders sähe dies bei der so genannten vertikalen Steuergerechtigkeit aus, der Lastenverteilung zwischen Normal- und Spitzenverdienern bis hin zu Einkommensmillionären. Zwar könnten sich Reiche nicht mehr durch Steuersparmodelle für den Finanzbeamten arm rechnen; aber alle Arbeitnehmereinkommen oberhalb von 20000 Euro will Kirchhof ausnahmslos dem Einheitssteuersatz unterwerfen – ein klarer Bruch mit dem bisher geltenden Prinzip, dass mit steigenden Einkommen höhere Steuersätze fällig werden. Zumindest ist fraglich, ob ein derartiger Steuertarif dem Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung entspricht, nachdem Rot-Grün wegen der – vergleichsweise maßvollen – Senkung des Spitzensteuersatzes auf 42 Prozent massive Kritik einstecken musste.