Löhne rauf oder runter? Diese Frage scheint gar nicht zur Wahl zu stehen. Schließlich entscheiden weder der Regierungschef noch der Bundestag über die Höhe von Lohnabschlüssen. Dennoch: Bei dieser Wahl geht es mehr denn je um die Lohnpolitik – und um die Frage, wie die Regierung darauf Einfluss nehmen soll. Soll sie sich mit einem gesetzlichen Mindestlohn gegen abrutschende Löhne stemmen? Oder wäre es besser, Lohnsenkungen sogar noch zu erleichtern – mit Kombilöhnen und einem staatlich geförderten Niedriglohnsektor? Muss der Einfluss der Gewerkschaften geschwächt oder erhalten, soll der Druck auf Arbeitslose, auch schlecht bezahlte Jobs anzunehmen, erhöht oder verringert werden? Kurz: Braucht es – wenn nicht überall und pauschal, so doch in bestimmten Fällen – niedrigere Löhne, damit die Arbeitslosigkeit endlich zurückgeht?

"Ja", sagen viele Ökonomen und Wirtschaftsverbände. Ihre Argumentation: Die Massenarbeitslosigkeit ist kein konjunkturelles Problem, das beim nächsten Aufschwung wieder verschwindet, sondern sie hat strukturelle Gründe. Sie ist über Jahrzehnte gestiegen. Eine der Ursachen dafür: zu hohe Arbeitskosten in einer Weltwirtschaft, in der mehr denn je Wettbewerb herrscht. Über viele Jahre, so die Analyse, sind die Lohnnebenkosten und die Löhne so stark gestiegen, dass menschliche Arbeit in Deutschland einfach zu teuer geworden ist – im Vergleich zu Maschinen oder zur Arbeit im Ausland, etwa in Osteuropa.

Mit Arbeitskosten von 27,60 Euro pro Stunde liegt die westdeutsche Industrie nach Angaben des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft praktisch vor allen anderen Ländern (etwa den Niederlanden: 23,74 Euro, Großbritannien: 19,89, Ungarn: 4,53). Nur Dänemark rangiert mit 28,14 Euro davor.

Dagegen wird häufig eingewandt, es käme nicht auf die Löhne an, sondern auf die Lohnstückkosten, also die Lohnkosten pro produzierter Einheit. Deutschland könne sich die höheren Löhne gut leisten, weil die Arbeiter und Angestellten hierzulande in einer Arbeitsstunde größere Werte schafften als anderswo. Dieses Argument lassen die Verfechter einer zurückhaltenden Lohnpolitik nicht gelten. Sie weisen darauf hin, dass die hohe Produktivität auch das Ergebnis von Entlassungen sein kann. Bei überhöhtem Lohndruck müssten wenig rentable Firmen Fabriken schließen oder wenig rentable Arbeitsplätze abbauen. Die verbliebenen Unternehmen und Stellen wiesen dann im Durchschnitt zwar eine höhere Produktivität auf – aber es gäbe eben auch mehr Arbeitslose (deren "Null-Produktivität" von der Statistik nicht erfasst wird). In Deutschland seien in den vergangenen Jahrzehnten viele Jobs nicht deswegen wegrationalisiert worden, weil mangels geeigneter Arbeitskräfte der Lohndruck gestiegen sei, sagt Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner ifo-Instituts – sondern allein wegen überzogener Lohnforderungen der Gewerkschaften.

Das Problem zu hoher Löhne betrifft aber selbst nach Meinung der Verfechter dieser These nicht unterschiedslos alle Arbeitnehmer. Dramatisch sehen sie vor allem die Lage der Geringqualifizierten. Sie stehen stärker als alle anderen im Wettbewerb mit den Niedriglöhnern in ausländischen Billigstandorten (oder mit einfachen Automatisierungstechniken). Lange Zeit gehörte es aber zur Gewerkschaftsdoktrin, die untersten Lohngruppen bei Tarifabschlüssen überproportional anzuheben, um für sozialen Ausgleich zu sorgen. Jetzt sind diese Gruppen überproportional häufig arbeitslos. In Westdeutschland hat jeder fünfte Ungelernte keinen Job, im Osten sogar jeder zweite. Rund 40 Prozent aller registrierten Arbeitslosen sind Geringqualifizierte. Selbst in Boomjahren ging ihre Beschäftigung zurück. Und auch ein künftiger Aufschwung, warnte kürzlich Kurt Biedenkopf, der frühere Ministerpräsident Sachsens, könnte an dieser Gruppe "völlig vorbeigehen".

Dabei gäbe es auch für diese Menschen Jobs, behaupten Arbeitsmarktexperten – allerdings zu Löhnen, die vielfach so niedrig wären, dass davon keine Familie leben könnte. Der Vorschlag der Fachleute: Anstatt sie ganz durch den Sozialstaat zu alimentieren, solle der Staat über Kombilöhne ihre Niedrig-Einkommen bezuschussen.