Unterschiedliche Lehrmeinungen und widersprüchliche Forschungsergebnisse sind in der Ökonomie keine Seltenheit. Nicht zuletzt handelt es sich ja um eine Sozial- und nicht um eine Naturwissenschaft. Dennoch stehen sich in der Frage des deutschen Arbeitslosenproblems einige ökonomische Positionen besonders unversöhnlich gegenüber. Das Land leide keineswegs unter zu hohen, sondern im Gegenteil unter zu niedrigen Löhnen, sagen einige Wirtschaftswissenschaftler, etwa Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat. Schon viel zu lange, so ihre Argumentation, hätten die Arbeitnehmer in Deutschland Lohnzurückhaltung geübt. Das habe zwar die Exportwirtschaft gestärkt, aber gleichzeitig die Binnenkonjunktur stranguliert – der Konsument konsumiere nicht, weil er nicht genügend Geld in der Tasche habe.

Tatsächlich sind die Löhne hierzulande in den vergangenen Jahren geringer gestiegen als in den meisten anderen Industrieländern. Allein billige Arbeit bringe die Unternehmen aber nicht dazu, neue Stellen zu schaffen, sagen die Verfechter einer nachfrageorientierten Politik. Für die Beschäftigung sei vor allem die Frage entscheidend, welche Absatzchancen die Firmen für ihre Produkte sähen. Und die seien bei stagnierenden oder sinkenden Löhnen eben mau.

Um zu belegen, dass es nicht allein auf niedrige Arbeitskosten ankommt, verweisen diese Fachleute auf Ostdeutschland. Dort ist die Arbeitsmarktlage weit dramatischer als im Westen, obwohl die Arbeitskosten deutlich niedriger liegen. Das Institut der deutschen Wirtschaft gibt sie mit 17,15 Euro pro Industriearbeiterstunde an – das sind zehn Euro weniger als im Westen und entspricht etwa dem italienischen Kostenniveau.

Nicht zu hohe Löhne seien der Grund dafür, dass in Ostdeutschland zu wenig investiert werde, stellt Peter Bofinger daher fest, sondern andere Faktoren – etwa eine unzureichende Infrastruktur, eine teilweise ungünstige geografische Lage oder ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Deutschland insgesamt leidet nach seiner Auffassung unter der geringen Kaufkraft der Arbeitnehmer. Bofinger empfiehlt deshalb, die Lohnzurückhaltung aufzugeben. Allerdings nicht mit Fantasieforderungen, sondern durch Lohnabschlüsse, die sich an der Summe aus Produktivitätszuwachs und Inflationsziel der Europäischen Zentralbank orientieren. Insgesamt entspräche das Lohnsteigerungen von etwa drei Prozent.

Auch bei der Frage, wie die Beschäftigungschancen der Geringqualifizierten verbessert werden können, gibt es Gegenpositionen zur Forderung nach niedrigeren (subventionierten) Löhnen. Zum einen wird empfohlen, mehr in Bildung und Ausbildung zu investieren – langfristig sei das die beste Arbeitsmarktpolitik, schrieben kürzlich etwa Forscher vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Zum anderen wird als soziale Abfederung für Geringverdienende ein staatlicher Mindestlohn verlangt, etwa von Gewerkschaftern. Sie lehnen Kombilöhne ab, weil sie einen Anreiz dazu bieten, auf breiter Front die Entlohnung abzusenken, um sie teilweise durch staatliche Zuschüsse zu ersetzen. Dadurch würden die Staatskassen belastet und gleichzeitig Millionen Arbeitnehmer zu Hilfsempfängern degradiert. Mit einem gesetzlich fixierten Mindestlohn dagegen landeten die Kosten da, wo sie hingehörten: bei den Arbeitgebern.

Gegen Mindestlöhne wird häufig eingewandt, sie gefährdeten Arbeitsplätze. Dem halten die Befürworter amerikanische Untersuchungen entgegen. Danach hat die Erhöhung des Mindestlohns in Kalifornien vor einigen Jahren sogar zu mehr statt zu weniger Beschäftigung geführt. Tatsächlich ist in der Forschung umstritten, ob und unter welchen Bedingungen ein Mindestlohn Stellen kostet. In den meisten Ländern Europas existieren gesetzliche Lohnuntergrenzen, allerdings liegen sie weit auseinander. In Großbritannien sind rund 1100 Euro das Limit, in Polen 179 Euro. Für Deutschland fordern Gewerkschafter 1400 Euro als unterste Lohngrenze.