Männer machen Geschichte? In Deutschland war das so. Zwar gab es hierzulande schon immer Frauen mit politischer Macht und mit Einfluss: Kaiserinnen, Königinnen, die Äbtissinnen der weltlichen Frauenstifte, die zugleich Reichsfürstinnen waren… Aber als eine Gruppe, die politisch gleichberechtigt sein und handeln wollte, nahm man(n) Frauen erst seit dem Schicksalsjahr 1848/49 wahr.

Dieses Jahr der Revolution bedeutete über das Gebiet des heutigen Deutschlands hinaus in großen Teilen Zentraleuropas, von Italien über die Schweiz und den Deutschen Bund bis zur Habsburgermonarchie, den Urknall für die moderne politische Kultur überhaupt. Das Parteienspektrum entstand, die unteren Schichten begannen sich zu emanzipieren… und die Frauen traten erstmals in die Arena der "großen" Politik.

Es scheint, als seien die deutschen Staaten dabei etwas rückständig gewesen – im Vergleich zu Frankreich oder auch zu Polen, wo einzelne Frauen 1831 im Aufstand gegen den Zaren an vorderster Front dabei gewesen waren. In Paris hatte Olympe de Gouges bereits 1791 in Anlehnung an die Erklärung der Menschenrechte ihre Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin veröffentlicht und volle Gleichberechtigung gefordert. 1848 dann verlangten im Mutterland der Revolution verschiedene Frauenvereine das gleiche Wahlrecht und sogar ein "Recht auf [bezahlte] Arbeit" auch für Frauen. Aber mit diesen Forderungen standen die Pariser Feministinnen im Europa des Jahres 1848 ganz allein.

Im Aufruf für das Hambacher Fest am 27.Mai 1832 – die Geburtsstunde der demokratischen Bewegung im deutschen Vormärz –, luden die Bürger die Bürgerinnen immerhin ausdrücklich mit ein: "Deutsche Frauen und Jungfrauen, deren politische Mißachtung in der europäischen Ordnung ein Fehler und Flecken ist, schmücket und belebet die Versammlung durch eure Gegenwart!"

Ein Anfang, wie das ganze Fest ein Anfang war für das, was 16 Jahre später Wirklichkeit wurde. Jetzt, 1848, waren die Frauen dabei. Sie waren dabei als Zuschauerinnen, als Helferinnen und schließlich auch als Mitkämpferinnen. Sie saßen auf den Zuschauertribünen der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche und in den Landtagen der Einzelstaaten – und sie kämpften auf den Barrikaden.

Die Frauen sitzen auf der "Herzseite der Menschheit"

Die Galerien der Paulskirche fassten bis zu 2000 Menschen, und Ludwig Bamberger, später einer der Gründer der Deutschen Bank, hat in seinen Erinnerungen geschildert, wie wichtig die "aktive Mitbeteiligung der Zuhörer auf der Galerie" für die spezifische Atmosphäre im Plenum und für dessen Beschlüsse war: "Das Mitspielen des Publikums brachte doch etwas Leben in die Bude, und da die Galerie selbstverständlich auf Seiten der fortgeschrittensten Parlamentarier war, so empfanden wir [also die Angehörigen der demokratischen Linken, C. J.] das noch besonders angenehm. Es wurde aus Leibeskräften applaudiert und gezischt." Der Schweizer Dichter Gottfried Keller, der die Jahre 1848/49 in Deutschland verbrachte, meinte, die Frauen hätten vorwiegend auf der "Herzseite der Menschheit", also auf der Linken gesessen. Und für die Republikanerin Henriette Obermüller waren die Frauen ohnehin "bessere Democraten, geborene Democraten, da sie die Liebe und die Menschlichkeit verkörpern".

Diejenigen, die regelmäßig kamen, um die Sitzungen zu verfolgen, legten sich "Parlamentsalben" an, in denen sie Autogramme oder Sinnsprüche und Widmungen der Abgeordneten sammelten. Die Frankfurterin Clotilde Koch-Gontard schrieb gar ein Parlamentstagebuch, das, 1969 von Wolfgang Klötzer ediert, Auskunft gibt über ihre Beobachtungen bei den Debatten und das wache politische Urteil der Autorin.