Vor 120 Jahren wurde nahe der Lausitzer Neiße ein skythischer Goldschatz entdeckt, 2500 Jahre alt, ein in Europa einzigartiger Fund. Lange blieb ein Rätsel, wie die goldenen Teile einer Prunkrüstung tausend Kilometer westlich von ihrem Ursprungsort am Schwarzen Meer in die Erde Brandenburgs kamen. Nach vierjährigen Grabungen konnte ein deutsch-polnisches Archäologenteam jetzt die Hintergründe aufhellen.

Die Geschichte dieser außergewöhnlichen Entdeckung beginnt an einem grauen, verregneten Herbsttag 1882 in der Niederlausitz, im südöstlichen Zipfel der Provinz Brandenburg. August Lauschke, ein Kleinbauer aus Vettersfelde, muss auf seinem Acker am Hang drei extratiefe Furchen pflügen, um seine im Dauerregen absaufende Wintersaat zu retten.

Zwei Tage später schaut er nach, ob das Wasser in den nahen Sumpf abgeflossen ist. Da blinkt ihm Gold aus der Krume entgegen: Anhänger, geflochtene Ketten, ein massiver Halsreif, eine Schwertscheide mit Tiermustern und ein dicker Fisch, 41 Zentimeter lang und 608 Gramm schwer. Gold aus versunkener Zeit. Bauer Lauschke bringt den Fisch zu seinem Grundherrn, dem Prinzen Heinrich zu Schönaich-Carolath. Entweder ist es ein Geschenk – oder der Prinz beschlagnahmt den Fund. Da gehen die Versionen auseinander. Der Adelige vermittelt jedenfalls den Verkauf an die Königlichen Museen in Berlin, wo der Archäologe Adolf Furtwängler den Fisch treffsicher als Teil einer skythischen Prunkrüstung aus der Zeit um 500 vor Christus beschreibt. Eindeutig skytischer Herkunft sind die filigran heraus gearbeiteten Tierkampfmotive: Panther packt Eber, Löwe reißt Hirsche. Und über allen schwebt der Adler, der König der Lüfte.

Auf der Karte stand deutlich ein großes Z – wie ein Piratenzeichen

Lauschke bekommt für seinen dicken Fisch 6000 Mark Entschädigung, "den vollen Goldwert des Fundes". Doch er fühlt sich trotzdem von den hohen Herren betrogen. Also verschenkt er die kleineren Schmuckstücke an Frau und Freunde oder verscherbelt sie an Juweliere im nahe gelegenen Guben, wo sie dem Schmelztiegel zum Opfer fallen. Und er lässt keine Archäologen auf seinen Schatzacker an der Straße zum Nachbardorf Caaso weitere Nachforschungen anstellen. Statt Erkenntnissen wuchern jetzt Hypothesen. Ein Skythenfürst liege hier begraben. Oder die Rüstung sei ihm von seinen Gegnern im Kampf entrissen und für ruhigere Zeiten im Acker versteckt worden.

Jahrzehnte später, in den unruhigen Zeiten des 20. Jahrhunderts, wird die deutsche Bevölkerung nach Westen vertrieben. Aus Vettersfelde wird Witaszkowo, das Nachbardorf Caaso heißt nun Kozów. Und niemand weiß mehr, wo der Schatz einst lag. Polnische Suchgrabungen in den sechziger Jahren gehen ins Leere. Der goldene Fisch der Skythen bleibt ein Rätsel des frühen Europas.

"Seit meinem Studium hat er mich fasziniert", sagt Louis Nebelsick, Bronzezeitexperte im Sächsischen Landesamt für Archäologie. Er hält den Fisch für den Beschlag eines Bogenköchers, einst von einem griechischen Künstler geschaffen im Auftrag eines skythischen Fürsten oder Königs. Nebelsick machte sich vor zehn Jahren auf die Suche nach dem verlorenen Fundort. Er stöberte in Archiven, studierte wissenschaftliche Schriften und verstaubte Heimatbroschüren, verglich alle erreichbaren Karten der Niederlausitz. Endlich fand er 1999 auf einer Generalstabskarte von 1845/46 in der Gemarkung Caaso den entscheidenden Hinweis, ein "Z" für Ziegelei. Dort sei der Fisch hervorgepflügt worden, hatte der Gymnasialprofessor und Freizeitarchäologe Hugo Jentsch 1884 sorgfältig vermerkt. Am Rand des Lauschke-Feldes wurde im 19. Jahrhundert Lehm ausgestochen und in einem Feldofen zu Ziegeln verbacken. 1882 war die Ziegelei längst aufgelassen, aber das Z, sagt Nebelsick, stand noch "wie ein Piratenzeichen" auf der alten Karte.