Paul Kirchhof droht der Abstieg, zumindest imagemäßig. Hochschullehrer genießen in der Bevölkerung hinter Ärzten und Polizisten das höchste Prestige. Das Ansehen der Politiker können dagegen nur noch Fernsehmoderatoren und Gewerkschaftsführer unterbieten. Dass Kirchhof, der C 4-Professor von der Universität Heidelberg, dennoch in die Politik strebt, verdient deshalb Lob - ganz abgesehen davon, wie man seine gesellschaftspolitischen Vorstellungen bewertet.

Zwar hat die Republik schon Hochschullehrer auf Ministerstühlen (Klaus Töpfer, Rita Süssmuth) oder Präsidentensesseln (Roman Herzog) gesehen. Sie gehörten jedoch nicht zur ersten Riege ihres Faches oder waren vorher politisch sozialisiert worden. Paul Kirchhof ist der führende Finanzrechtler Deutschlands und parteipolitisch bisher nicht gebunden. Dass eine solche Persönlichkeit quasi aus dem (Professoren-)Stand heraus mit einem in der Universität ausgearbeiteten Konzept eines der wichtigsten Ämter des Landes besetzt, wäre beispiellos.

Traditionell ist der Austausch zwischen den Professionen in Deutschland eher unterentwickelt. Streng kanalisierte Karrierewege, Vorschriften und Klischeebilder betonieren die Berufsmilieus. Gerade Geist und Macht pflegen in Deutschland seit jeher ein Igitt-Verhältnis. So hat der Typus des öffentlichen Intellektuellen an deutschen Universitäten kaum eine Heimat. Wer die Nützlichkeit von Forschung betont, wird schnell mit dem Verdacht belegt, er wolle die Wissenschaft ökonomisieren.

In England sitzt dagegen ein Wissenschaftler als Chief Scientific Adviser am Kabinettstisch. In den USA erregt es keine Verwunderung, wenn ein Forscher wie Larry Summers erst Minister wird und dann als Harvard-Präsident in die Wissenschaft zurückkehrt. Die öffentlichen Fernsehduelle zwischen den Präsidentschaftskandidaten finden dort oft in einer Universität statt.

Eine Berufung Kirchhofs zum Minister würde die Wissenschaft in Deutschland aufwerten und die Rolle der Universität als Denkfabrik stärken. Auch der Politik käme eine Figur wie Kirchhof zugute. Zwar ist ein Kabinett kein Oberseminar, aber eine gewisse Gedankentiefe und Intellektualität nützt jeder Ministerrunde. Dass Kirchhofs Erfolg keinesfalls garantiert ist, beweist die Diskussion über seine steuerpolitischen Pläne. Sein (möglicherweise auf Dauer angelegter) Wechsel ist ein Experiment - eine Form der Erkenntnissuche übrigens, die der Wissenschaft nicht unbekannt ist.