Wäre der Mann das, was man üblicherweise einen Linken nennt, so hätte ihm längst jemand Utopieüberschuss vorgeworfen. So aber trägt er den Ehrentitel des Visionärs. Paul Kirchhof, der Steuerexperte, Spitzenjurist und ehemalige Verfassungsrichter, passt zwar nicht recht in die Geschichte des intellektuellen Gesellschaftskritikers im 20. Jahrhundert, dessen Sache die Befreiung der Unterdrückten aus der politischen Ohnmacht war. Und doch greift jeder zu kurz, der ihn jetzt auf die zehnminütige Steuererklärung und den Zank um die Mehrwertsteuer festlegen will.

Man braucht nur seine Bücher zu lesen. Die öffentliche Rolle Paul Kirchhofs wirft auch die unbequeme Frage auf, ob ausgerechnet ein Steuerfachmann, der sich einmischt, indem er durch seinen Beruf die Aufgabe der Kritik ausfüllt und zugleich einen Begriff vom Gemeinwesen hat, in die Fußstapfen des Intellektuellen treten kann. Er argumentiert normativ und gewagt, sein Bilanzrecht als Grundlage der Berechnungen ist bisher unveröffentlicht, aber eine klare Vorstellung von politischer Steuerung hat er.

Kirchhof gehört zu den seltenen Konservativen, die eine Entparlamentarisierung der Gesellschaft ebenso fürchten wie den marktradikalen Ruin des Gemeinwesens. Er weiß um die Aporie, dass der geschwächte Nationalstaat zugleich im europäischen Rahmen als handlungsfähig auftreten muss. Gerade er hat in seinen Büchern - auch solchen, die jeder verstehen kann - dem Souverän vorgeführt, wie die verbreitete Inanspruchnahme von Gegenwartsfreiheit denjenigen Ungerechtigkeit widerfahren lässt, die Kinder großziehen.

Zweifellos verdankt der lesende Souverän den Selbstdenkern in der rot-grünen Belegschaft, etwa den Umweltexperten Hermann Scheer und Reinhard Loske, maßgebliche Lektüre zur ökologischen Erneuerung der Republik. Die Frage aber, wie ein freiheitlicher Staat künftig seiner Kinderlosigkeit entgegentreten kann, hat dieser Konservative ins Zentrum gestellt - und ist Antworten nicht schuldig geblieben, die über Steuerungsinstrumente wie die Entlastung von Familien hinausgehen.

Mit 113 Titeln verzeichnet der Handel das Werk des Juristen, darunter allein im vergangenen und laufenden Jahr die drei Bücher Der sanfte Verlust der Freiheit, Der Staat als Garant und Gegner der Freiheit und zuletzt Der Staat - eine Erneuerungsaufgabe. Es ist das Bild des bürgerlichen Staats, das Kirchhof entwirft, getragen nicht von einer Bürgergesellschaft, sondern von der bürgerlichen Gesellschaft. Nein, sein Bild vom Staat ruht nicht primär auf der politischen Teilhabe aller und auf einem Konzept von Gleichheit und Verteilungsgerechtigkeit, sondern auf den Fundamenten von Ehe, Familie, Kirche, Recht, Wissenschaft und Kultur. Dies allein muss die Debatte um Gerechtigkeit neu entfachen. Der Gesellschaftskritiker hat in Paul Kirchhof ein neues Gesicht. Ans Buch also, Souverän!