Jetzt wird in Peking  also neu darüber verhandelt, wie viele Pullover, Hosen, Blusen und T-Shirts aus chinesischer Produktion bis 2008 in die Europäische Union importiert werden dürfen. Ist der Streit um volksrepublikanische Billigkleider damit beigelegt? Nein. Die Verhandlungen beweisen lediglich, dass freier Welthandel in der Theorie anders funktioniert als in der Praxis.

Zur Erinnerung: Anfang 2005 waren Mengenbeschränkungen im internationalen Handel mit Bekleidung und Textilien ausgelaufen. Als wenig später chinesische Billigware den europäischen Markt zu überfluten drohte – und somit Arbeitsplätze vor allem in der südeuropäischen Bekleidungsindustrie gefährdete –. setzte Handelskommissar Peter Mandelson neue Quoten fest. Eine Übergangsregelung lässt das in dem grundsätzlich liberalisierten Markt zu; allerdings nur noch bis Ende 2008. Bei Pullovern und Hosen waren die Quoten bald ausgeschöpft, ein Importverbot folgte. Als Nächstes könnten Blusen und BHs betroffen sein. Unternehmen in den nördlichen EU-Ländern wie Deutschland, Schweden und den Niederlanden litten besonders unter dem plötzlichen Einfuhrstopp, weil sie in der quotenlosen Zeit hunderttausendfach Waren geordert hatten, die sie dann aber nicht verkaufen durften.

Selbst wenn die Quoten jetzt nachverhandelt werden, dürfte der Industrie ein hoher Schaden entstanden sein. Moden, Farben und Schnitte ändern sich schnell, und eine Winterkollektion, die auch nur ein paar Monate lang in den Lagern des Zolls festgehalten wird, ist bald schon unverkäuflich. Einzelhändler, denen gegenüber sich die Importeure zur rechtzeitigen Auslieferung der Waren verpflichtet haben, könnten möglicherweise auf Schadensersatz klagen.

Dabei hatte sich die nordeuropäische Industrie – inklusive der deutschen Betriebe – eigentlich recht gut auf die Zeit des freien Handels vorbereitet. Schon vor zehn Jahren stand fest, dass die Quoten im Januar dieses Jahres fallen würden. Die Unternehmen stellten um, produzierten zunehmend forschungsintensive Spezialtextilien, für die man eben mehr braucht als Baumwolle, Nähmaschinen und billige, ungelernte Arbeiter. Dabei geht es um komplizierte Produkte: schmutzabweisende Möbelbezüge beispielsweise oder schwer entflammbare Stoffe für Flugzeugsitze. So etwas landet zwar nicht in den Schaufenstern der Innenstädte, bietet aber einen Wettbewerbsvorteil. Anders als Designerhemden oder Doppelripp-Unterhosen lassen sich derartige Spezialtextilien nur mit viel Know-how entwickeln und fertigen.

Einfache, modische Massenbekleidung hingegen kauften die Unternehmen vermehrt im Ausland zu, natürlich auch in China. Dort stellen fast sieben Millionen Arbeiter eine Produktionsmacht dar, von der schon lange bekannt war, dass man sie in einem liberalisierten Welthandel nicht würde ignorieren können.

Und genauso kam es ja auch.

Trotzdem ist und bleibt die Europäische Union eine Größe beim Welthandel, an dessen Funktionieren sie schon deswegen interessiert sein muss. Von ihren 455 Millionen Einwohnern arbeiten nach Berechnungen der Welthandelsorganisation WTO rund 2,7 Millionen in der Textil- und Bekleidungsindustrie. Rein rechnerisch ernährt die Branche in Europa also einen ebenso großen Anteil an der Bevölkerung wie in der Volksrepublik.

Nach Angaben der Kommission ist die EU – gemessen am Wert – der zweitgrößte Importeur von Textilien und Bekleidung; nur die Vereinigten Staaten holen mehr ins Land. Was Ausfuhren angeht, ist zu unterscheiden. Auf Textilien bezogen, ist Europa der bedeutendste Exporteur der Welt. Erst wenn man Bekleidung hinzurechnet, rückt China an die Spitze. Das zeigt, bei welcher Art von Waren die Volksrepublik ihre Stärke hat – und wo ihre Schwäche. Jedenfalls im Moment.