August kann melancholischer sein als November. Jedenfalls im Garten. Schon fällt von der letzten Trompetenlilie, der wunderbar morbiden grauvioletten Pink Perfection, das letzte Blatt, schon blüht der Phlox, schon werden die Tage deutlich kürzer. Die Vögel, mitten in der Mauser, halten sich verborgen und halten auch die Schnäbel. Nur die Mauersegler hoch oben, lauter pfeilschnelle, winzige Halbmonde, schreien weiter schrill – bis eines Morgens in der ersten Augustwoche das typische Sommergeräusch plötzlich fehlt. Sie sind fort, und die schönste Jahreszeit haben sie mitgenommen. Spätestens jetzt lässt sich die Erkenntnis nicht mehr verdrängen: Auch dieser Sommer wird enden. Der Garten verrät es sowieso. Vorbei die verschwenderische erste Blüte, stumpfgrün die leeren Rosensträucher. Stattdessen, vor dem großen Finale zum Herbst, eine Art botanischer Midlife-Crisis. Weniger das, was der August bringt, als das, was er unwiderruflich ankündigt, macht ihn so schwer erträglich. Es ist ein latentes Unbehagen, wie ein unwillkommenes, immer viel zu frühes Erwachen nach all dem fröhlichen Überschwang der letzten Wochen.

Vorteile hat diese Jahreszeit, theoretisch, natürlich auch: samtweiche Nächte, Grillengezirpe statt Mauerseglerrufen, beinahe mediterrane entspannte Urlaubsstimmung statt all der Frühsommerarbeit. Wenn – ja, wenn das Wetter zum Kalender passt. Was es dieses Jahr nicht tat, zumindest im Norden nicht. Statt Samtblau zeigte der Himmel ein ominöses Steingrau, die Blätter der Sonnenblumen flatterten in den Regenstürmen wie die Ohren verstörter Elefanten, die Schnecken waren deutlich aktiver als die Grillen. Islandpullover statt Spaghettiträgern. Am Morgen, an dem die Mauersegler verschwunden waren, nahm der Frust überhand: Nachdem ich reichlich schwarz getupfte, sternrußtaubefallene Rosenblätter abgepflückt hatte, waren meine Hände eisig klamm. Neun Grad Celsius, akzentuiert mit dem, was der Wetterbericht apart als "Starkregen" bezeichnet. Und das in den Hundstagen.

Zum Frustabbau ist bekanntlich Shopping ein probates Mittel, und Gärtner pflegen dazu gern das nächste Gartencenter anzusteuern. Ein potenziell gefährlicher Ort, den Grünabhängige besser nicht in Begleitung Gleichgesinnter betreten, da dann erfahrungsgemäß sämtliche Hemmschwellen rasant dahinwelken. Stattdessen empfiehlt sich, der Dispo-Kredit wird’s danken, die Begleitung total ignoranter Botanik-Muffel, die zuverlässig spaßverderbend herumnölen ("So viel Geld für dieses Grünzeug?!"). Falls selbst das nicht mehr hilft, sollten sie strikte Order haben, entfesselte Gartenfans spätestens dann unnachsichtig aus dem Gartencenter zu entfernen, wenn die über die zusammengerafften grünen Schätze schon nicht mehr hinwegschauen können, aber immer noch dieses manische Glimmen im Auge haben.

Nach den Balkonblumen und vor der herbstlichen Pflanzzeit

Verzögerungstaktik inklusive noch so wohlbegründeter Proteste ("Nur diese Rose noch! Die such ich doch schon jahrelang!") muss dann strikt ignoriert werden, milde körperliche Einwirkung kann unumgänglich sein. Ohnehin ist es sehr praktisch, wenn besagte Botanikmuffel etwas kräftiger sind. Dann kommen sie nämlich viel besser mit all den schweren Düngersäcken klar!

Ich suchte die Stätte der Versuchung selbstverständlich einzig und allein deshalb auf, um Knochenmehl zu kaufen. Die Zwiebel-Pflanzzeit naht, und fast alle Blumenzwiebeln danken eine kleine Extradosis des phosphorhaltigen, langsam wirkenden Düngers im Pflanzloch später mit prächtiger Blüte. Bloß: Es gab keins mehr. Knochenmehl sei nicht mehr im Handel, erklärte mir der Verkäufer, "…wegen BSE". Verstehe das, wer will: Ein Blick auf die Düngersäcke rundum verriet, dass Knochenmehl nach wie vor in organischen Volldüngern enthalten ist. Separat aber mutieren diese Reste von Tieren, die immerhin für den menschlichen Verzehr geschlachtet wurden, plötzlich zum untragbaren Risiko? Knochen von Rindern, die ich jederzeit hätte essen können, sind selbst drucksterilisiert für meine Narzissen zu gefährlich?

Nicht immer ist Logik tröstlich, und das Pflanzenangebot war es diesmal auch weit weniger als sonst. Ein großer Tisch mit strahlend goldgelben Rudbeckien bot, wortwörtlich, einen Lichtblick, ansonsten herrschte auch hier das Sommerloch, die Zeit nach den Balkonblumen und vor der herbstlichen Pflanzzeit. Die Müdigkeit, der Hauch von Tristesse, dem ich im eigenen Garten hatte entfliehen wollen, hing überall, und schlimmer noch: Überall standen schon Legionen von Winterastern, die mir, Kälte hin oder her, in den Sommerferien ganz sicher noch nicht aufs Grundstück kommen!