Im Grunde weiß man nicht viel über Zuhälter. Kaum jemand, den man kennt, kennt einen, und in den Medien werden über gesellschaftliche Randgruppen sowieso nur Klischees geliefert. Zu den gängigen Vorurteilen über Zuhälter gehört, dass sie ausgefallene, extremfarbene, zuweilen auch aufgemotzte Sportwagen fahren. Zum Beispiel die Corvette.

Nun kann jemand, der weder Zuhälter kennt noch je diesen amerikanischen Sportwagen gefahren hat, nicht wissen, ob sich das Vorurteil mehr gegen das Auto oder die Berufsgruppe richtet. Oder sogar gegen beide.

Mit diesen Gedanken im Kopf stand ich zum ersten Mal vor der roten Testwagen-Corvette. Spontaner Eindruck: Das ist ein überraschend kleines Auto. Und rundum aus Plastik. Ein Spielzeugauto? Ich öffnete die Tür und vernahm dabei ein Knarr-Geräusch, das mir vage bekannt vorkam. Lange nicht gehört, aber mit wohligen, sentimentalen Gefühlen verbunden. Was könnte das sein? Genau: ein Trabi!

Nach dem Einsteigen allerdings wuchs mein Respekt. Die Armaturen blinkten fremd, fordernd, professionell – und ich fand das Zündschloss nicht. Ein hektischer Anruf bei unserer technisch erfahreneren Mitarbeiterin ergab: Die Corvette hat überhaupt kein Zündschloss, sondern einen Knopf. Ah!

Ich drückte und erschrak: Tiefes Grollen gab einen Vorgeschmack auf die 404 PS, die da unter der Plastikhaube lauerten. Es war, das muss man sagen, allerdings kein sehr schönes Geräusch. In den Autozeitschriften steht, die Corvette sei der amerikanische Porsche 911. Also, man will ja nicht antiamerikanisch sein, aber das Geräusch der Corvette ist dem Klang des Porsches ungefähr so ähnlich wie Jeanette Biedermanns Gesang dem von Carla Bruni.

Zeitgleich mit dem Geräusch erschien am unteren Rand der Frontscheibe der hineingespiegelte Tacho. Sehr modern und etwas irritierend, aber daran würde man sich gewöhnen können. Was nun folgen musste, war klar. Dieses Auto braucht eine Autobahn, denn es will schnell sein. Und eine Mitfahrerin, denn es will angeben. Als Erstes fuhr ich über die Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße (kurz Avus) aus Berlin raus – Richtung Magdeburg. Auf dieser Strecke gibt es ein paar Stellen, wo man relativ legal relativ schnell fahren kann. Das tat die Corvette dann auch und wurde sehr laut dabei, lauter jedenfalls als die Stereoanlage stark war.

Besonders sicher fühlte ich mich nicht, zu viel Plastik, auch innen. Auf der Suche nach der Tastatur des Navigationsgerätes nestelte ich bei 200 Stundenkilometern an den Armaturen, versehentlich berührte ich den Zündknopf. Plötzlich wurde es leise, als wären wir in Wasser getaucht, die Lkw auf der rechten Spur überholten mich. Was war geschehen? Ich hatte das Auto ausgestellt, in voller Fahrt. Leicht panisch drückte ich noch einmal auf den Knopf. Das Ding sprang wieder an und röhrte, als sei nichts gewesen.