Nico lernt Chinesisch, weil es gut ist für die Karriere. Leonie, »weil ich was können will, was andere nicht können«. Lina, weil Leonie sie auf die Idee gebracht hat. Und Anton, »weil es eben angeboten wird«. Da hat Anton aber Glück. Denn er besucht das Münchner Anna-Gymnasium, laut Zählung des Fachverbands Chinesisch eine von nur 80 deutschen Schulen mit Chinesischunterricht. In Frankreich sind es 200.

Das Lehrangebot an deutschen Schulen und Hochschulen hält nicht Schritt mit dem Bedarf an chinakompetenten Fachleuten vor allem in der Wirtschaft: Bis 2020 wird China die USA als größte Wirtschaftsmacht abgelöst haben, schätzt die Weltbank. Der deutsche Export nach China verzeichnet zweistellige Wachstumsraten, das Wirtschaftswachstum der Volksrepublik wird 2005 zwischen acht und neun Prozent liegen. Bei seinen sechs China-Besuchen hat Bundeskanzler Gerhard Schröder den »Dialog der Zivilgesellschaften« betont. Doch auf Chinesisch wird der schwer zu führen sein. Der Fachverband Chinesisch schätzt, dass im deutschsprachigen Raum nur knapp 10000 Menschen Chinesisch lernen.

Alles hängt ab von der Eigeninitiative der Lehrer

Vor allem an ostdeutschen Schulen gibt es eine eklatante Lücke. In ganz Mecklenburg-Vorpommern wird die Sprache an keiner Schule unterrichtet. Auch im saarländischen Wissenschaftsministerium winkt ein Sprecher ab: »Zu exotisch« – die Muttersprache von 1,2 Milliarden Menschen. In anderen Ländern gibt es nur unverbindliche Arbeitsgemeinschaften. Am weitesten entwickelt ist das Angebot am Hamburger Marienthal-Gymnasium, an dem seit 2003 ein Teil der regulären Unterrichtsstunden auf Chinesisch gehalten werden, schon ab der fünften Klasse.

Nur mäßig unterstützt von den Kultus- und Wissenschaftsministerien, kümmern sich einzelne chinabegeisterte Lehrer und Schulleiter um das Angebot. Ihrer Eigeninitiative ist es zu verdanken, dass Chinesisch als Schulfach mittlerweile anerkannt wird. Vor einigen Jahren noch musste sich Marion Rath, Chinesischlehrerin an baden-württembergischen Schulen, Kritik anhören wie die einer Kollegin: »Unsere Schüler können nicht mal Deutsch, was müssen die Chinesisch lernen?« Dergleichen hört Rath mittlerweile nicht mehr. Dominierten vor ein paar Jahren noch »Arbeitsgemeinschaften« ohne Prüfungen (Rath: »Ein bisschen Larifari, und am Schluss gehen die Schüler wieder nach Hause«), gelten mittlerweile in den meisten Bundesländern verbindliche Rahmenrichtlinien. In mehreren Ländern ist Chinesisch Grundkurs- oder sogar Prüfungsfach. Damit es sich weiter als reguläre Fremdsprache etablieren kann, wünschen sich viele Pädagogen einen Lehramtsstudiengang.

Chinesisch lernen mag aufwändig sein, aber nicht schwer. Finden die, die sich damit beschäftigen. »Baum zum Beispiel ist ganz einfach«, sagt Byron vom Anna-Gymnasium und zeichnet mit geschwinden Strichen eine durch kurze schräge Striche angedeutete Wurzel, darüber eine waagrechte Linie für den Boden und eine senkrechte für den Stamm. Zwei solcher Zeichen bedeuten »Wald«, drei »Dschungel«, ganz einfach.

Doch meistens führt selbst für Hochbegabte keine Eselsbrücke an sehr viel Arbeit vorbei. Nach drei Jahren kann sich ein fleißiger Schüler gerade mal im Alltag zurechtfinden und einen einfachen Brief schreiben. Dennoch glaubt Monika Rath, dass nicht nur Genies Chinesisch lernen können. Statt von Hochbegabten spricht sie lieber von »Hochmotivierten«. Wichtiger als hohe ist vielseitige Begabung, denn Chinesisch zu lernen ist eine ganzheitliche Angelegenheit: Das Lernen der Schriftzeichen trainiert das Bildgedächtnis, die Feinheiten des gesprochenen Wortes das Gehör, die richtige Betonung die Aussprache.