Dr. Oscar Emmanuel Peterson, geboren am 15. August 1925 im kanadischen Montreal, ist der letzte lebende Jazz-Pianist im Sinne von Duke Ellington: Wenn's nicht swingt, dann kannste es vergessen! In einem großartigen Hamburger Konzert bewies er seine sagenhafte Einzigartigkeit aufs Neue. Denn im Zeitalter der unappetitlichen Jazz-Konglomerate ist der im Rollstuhl sitzende Peterson immer noch eine Lichtgestalt. Schon der Auftritt des Meisters löst enormen Jubel aus. Alles erhebt sich von den Plätzen und applaudiert dem von schwerer Krankheit Gezeichneten. Weint er oder nicht?

Jedenfalls beginnt er mit einem Blues. Ohnehin ist das Konzert eine tränentreibende Angelegenheit. Es wäre kein Wunder, wenn plötzlich ein Pfarrer auftauchte und aus der Bibel vorläse. Diese quasi religiöse Aura des Konzerts lässt einen erschauern. Das oft liederliche Image des Jazz lässt Oscar Peterson zu Staub zerfallen. Und wenn er Balladen spielt, dann ist er der Hüter des Dreiklangs. Diese edle Schlichtheit! Einfach unfasslich! Am besten sind die ganz ruhigen Stücke. Fast Kinderlieder. Wie geflüsterte Liebesbekundungen. Mag sein, dass Jazz manchmal eine subtile Art der Geistesverwirrung ist. Aber nicht bei Oscar Peterson. Sein Spiel wirkt so virtuos, dass man sich fragt: Wie macht das dieser Riese mit Händen, groß wie Bratpfannen? Ich sage: Oscar ist die Inkarnation eines Klavier spielenden Gottes. Ich liebe ihn. Ich liebe seinen Swing, seine Blues-Affinität und seine technische Brillanz, vor der auch klassische Pianisten den Hut ziehen.

Dabei ist er konservativ bis auf die Knochen. Er sagt: Wenn Musik wie Verkehrschaos klingen soll, dann soll man sich in ein Auto setzen und wie ein Verrückter losfahren. Aber den großen schwarzen Flügel sollte man verschonen. Auf Oscar trifft ein Satz von Hans Magnus Enzensberger zu: Nur wer vieles überhört, kann manches hören. Er war nie Exzentriker wie, sagen wir, Cecil Taylor, der dem Piano schreckliche Schreie zu entlocken scheint.

Peterson ist der definitive Sanguiniker der Tasten.