Nicht unbesorgt nimmt man das Werk zur Hand: ein vorgezogener Titel. Gerhard Schröders Neuwahl-Knaller hat ja auch den Buchmarkt aufgeschreckt und zur Abfeuerung von Schnellschüssen verleitet. Das hier ist keiner. Die Lektüre zerstreut auch die zweite Sorge: Gregor Gysi kann man schwerlich ohne seinen Vater Klaus porträtieren. Jens König liefert die nötige Doppelbiografie.

Gregor Gysis Wahl zum SED-Chef war im Wendeherbst 89 eine der größten Verblüffungen. Die SED stand am Abgrund. Statt der Selbstauflösung wählte sie einen Rechtsanwalt, der diesem Ansinnen energisch widersprach. Bis dato kannten ihn eher Gegner der Partei. Der Anwalt Gysi hatte die Regimekritiker Bahro und Havemann verteidigt. Mit Honecker und dem biederen Basismilieu der führenden Partei hatte dieser geistsprühende Spross des roten DDR-Adels trotz absolvierter Rinderzüchter-Lehre nichts gemein. Ohne Gysi hätte die PDS schwerlich überlebt.

Er sei in der falschen Partei, das hat der Westen dem Showtalent Gysi oft zum Kompliment gemacht. Auch König beschreibt Gysi als Fremdling in der PDS, wie schon sein Vater in der SED einer schien. Klaus Gysi, großbürgerlich-jüdischer Abkunft, entstammte dem liberalen Berliner Bürgertum. Nach 1933 arbeitete er illegal für die KPD. Zwölf Angehörige der Familie starben in den Lagern der Nazis. In der DDR machte Klaus Gysi eine erstklassige Karriere zweiter Qualität. Er war Kulturminister, Botschafter in Rom, Staatssekretär für Kirchenfragen, und er arbeitete der Stasi zu. Ein verlässlicher Opportunist der Macht, die er durchschaute, aber nie verriet.

Über allem waltete ein Höheres: Glaube.

Sein Sohn Gregor hat gegen dieses religiöse Verständnis kommunistischer Treue immer wieder rebelliert, schreibt König, aber entkommen ist er dieser Welt des Glaubens und Hoffens nicht. Seine Tante, die Schriftstellerin Doris Lessing, nennt den Neffen einen romantischen Sozialisten: Gregor Gysi glaubt daran, daß man die Menschheit verbessern kann. Das praktiziert er weitaus lieber auf der Bühne als im Büro. Gysi liebt den Auftritt, nicht die Macht.

Von seinen Ämtern ist er mehrfach zurückgetreten, zuletzt 2002, nach sechs Monaten im rot-roten Berliner Senat, wo er als Wirtschaftssenator Akten fressen musste. Wegen privat genutzter Bonus-Flugmeilen trat er ab und weil Narziss Gysi fürchtete, eng und sachbeschränkt zu enden wie ein gewöhnlicher Politiker.

Hatte Gysi nicht Recht? Er ist junger Vater. Er erlitt zwei Herzinfarkte. Er musste sich einer Hirnoperation unterziehen. Die Lebenskrisen erwähnt König nur lapidar. Gysi hat die Mitarbeit am Buch verweigert - eine Biografie zu Lebzeiten finde er nicht angemessen. Der Autor ist seinem Mandanten gewogen, aber auf abständige Art. Ein Urteil zu den Stasi-Vorwürfen stellt König dem Leser anheim, durch Ausbreitung des Materials, freilich mit dem Resümee: Im Zweifel für den Angeklagten Gysi.