Lenggries/Eschenlohe . Weil Edmund Stoiber nichts falsch machen will, steht das Bierzelt von Lenggries plötzlich leer. Genau jetzt, wo es Abend wird in Lenggries und die Stimmung gerne zünftig sein darf, hätte die Blaskapelle den Bayerischen Defiliermarsch schmettern sollen. Zu gewohnt triumphalen Klängen wäre der Landesvater winkend eingezogen und hätte als Erstes klargestellt, wie gern er doch grad nach Lenggries kommt, schon allein, weil es zu seinem Heimat-Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gehört, dem bekanntlich schönsten Landkreis der Welt. Doch in Bayern herrscht Hochwasser, im Süden jedenfalls, und noch mal passiert ihm das nicht, noch einmal ist keiner schneller im Hochwassergebiet als Edmund Stoiber.

Bis heute hat es der Kanzlerkandidat von 2002 nicht verwunden, dass er damals im August auf der Nordseeinsel Juist saß, während der Kanzler bereits in Gummistiefeln durch Ostdeutschland stapfte. Deshalb hat er die Menschen heute Abend allein im schönsten Landkreis der Welt sitzen gelassen und ist nach Eschenlohe geeilt, wo bereits Hubschrauber der Bundeswehr den Menschen zu Hilfe kommen mussten. In Lenggries hat Festwirt Michael Gascher die Bierbänke wegräumen lassen. Vielleicht zehn Menschen verlaufen sich in dem riesigen Zelt. Aus der Not heraus serviert Gascher ihnen norddeutsches Pils aus kleinen Flaschen; die Zapfanlage ist schon abgebaut.

Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef hat derweil in Eschenlohe bereits klargestellt, worum es bei seinem Besuch nun aber gar nicht geht – Wahlkampf. "Das ist jetzt wirklich nicht das Thema", sagt er, es gehe nicht um Wahlkampf, sondern darum, den Betroffenen zu helfen. So zitieren ihn die Nachrichtenagenturen, so zeigen es die Fernsehsender, so muss es sein.

Wahlkampf mit der Flut ist ein Wahlkampf, bei dem sich keiner erwischen lassen will. Und bei dem doch ein jeder fürchtet, die Konkurrenz könnte schneller sein. Daraus leiten sich zwei Grundregeln für Wahlkampf in Zeiten des Wassers ab: Wie sehr du auch kämpfst, nenne es immer "Hilfe für die Menschen vor Ort". Und: Glaube nie deinem Gegner, wenn er sagt, er wolle nur Hilfe für die Menschen vor Ort leisten.

Vor allem aber gilt: Katastrophen sind die Stunde der Exekutive, eine gute Figur kann dabei nur machen, wer die Macht hat. Diesmal hat Edmund Stoiber alles richtig gemacht. Man könnte auch sagen, die Flut hat es richtig gemacht. Diesmal ist sie nicht in den Osten abgeflossen, also in das erweiterte Umland des Bundeskanzlers aus Berlin. Sie ist in Bayern geblieben, und der Ministerpräsident konnte kommen.

Stoiber in Eschenlohe sieht aus, wie er immer aussieht. Hellblaues Hemd, Krawatte. Nur den dunklen Anzug hat er gegen eine dunkle Outdoorjacke ausgetauscht. Dazu trägt er feste Wanderschuhe. Bloß keine Gummistiefel, bloß keine knallgelbe Regenjacke, bloß nicht übertreiben. Stoiber sucht festen Grund unter den Füßen, nicht nur wegen des Wassers. Ein wenig dürfte auch ihn die Rückkehr der Erinnerung verwirren und damit jene Frage, die offensichtlich unsinnig ist, wie sehr sie sich auch aufdrängt: Wiederholt sich die Vergangenheit?

Verstärkt durch seine Minister für Umwelt und für Inneres zieht er weiter nach Kempten und Augsburg. Nahe Augsburg ist eine Autobahnbrücke über den Lech vom Einsturz bedroht. Außerdem kommt der Bundeskanzler am Donnerstag. Seltsame, irritierende Nachrichten dringen aus Berlin nach München. Kann es wirklich sein, wie die SPD beteuert, dass Schröder zufällig in Augsburg einen lang geplanten Termin hat? Ist der Mann denn immer da, wo Wasser ist?