Das deutsche Glück ist eine blaue Plastiktüte. Mit einer Vliesdecke zum Liegen drin, einem Beutel Konfetti, einem hübsch marmorierten, geheimnisvollen Briefumschlag und einem Transistorradio. Halte dich rechts von der Kirche!, flüstert die Stimme aus dem Radio und leitet dich über Wege und Wiesen der Bochumer Jahrhunderthalle. Von einem zu findenden Kleeblatt hört man über dem rhythmisch motorischen Rauschen, will lauter drehen und verstellt die Frequenz, hat plötzlich WDR im Ohr, ein Bericht vom Papstbesuch, Sie haben sich hier versammelt, sucht weiter den Sender des Glücks und steht plötzlich neben Bazon Brock, dem allgegenwärtigen Professor der Ästhetik. Eine aufblasbare Welt aus göttlichem Odem sei nötig, deklamiert er den geduldigen Zuhörern auf der Wiese. Man muss nur auf den Weg gebracht werden von der Kunst, dann findet man ganz erstaunliche Dinge.

Die blaue Plastiktüte ist Teil der radiofonen Schnitzeljagd der Gruppe LIGNA aus Hamburg, und die ist Teil der Kunstaktion Ruhrcollection, die das zehnstündige Eröffungsfest der RuhrTriennale durchzieht. Matthias von Hartz hat das Spektakel inszeniert, einen roten Teppich ausgerollt, auf dem man eine lange Steintreppe, die Novalis Stiege, hinaufschreitet, hoch zur aufblasbaren, illuminierten Kapelle, einer Disneyland-Kirche - die romantische Ironie grüßt hinüber zu Benedikt, zum rheinischen Marienfeld.

Die RuhrTriennale 2005 steht mit Jürgen Flimm unter dem Begriffspaar - Motto muss sein - Romantik und Industriezeitalter. Doch nicht der klassisch-romantische Gegensatz ist hier gemeint, nicht Romantik als Naturerhöhung, sondern Romantik als gefühlte Ästhetik, Kunst als Leben verkleidet oder Leben in Kunst verpackt. Also greift man sich die blaue Tüte, hört in die kleinen Plastiktonnen hinein, die, wie am Kreuzweg, den roten Teppich säumen, und folgt Reverend Billy, der mit seinem kleinen Gospelchor zur Gummi-Kirche hochtänzelt. Wieder beschleicht einen das seltsame Performancegefühl, zugleich Publikum und Darsteller zu sein und in beiden Rollen nicht ganz ernst genommen zu werden. Doch diesmal wird man schlicht überrumpelt.

The real church is in Bochum, verkündet der Prediger im weißen Anzug mit den Schlaghosen, der Vorsitzende der Church of Stop Shopping aus New York, Anti-Konsum-Aktivist und Performancekünstler. Hallelujah!, echot es aus dem swingenden Chor, Tell us!. Und das sorgfältig toupierte Billy-Graham-Double lässt sein sonnenbraunes Gesicht in der untergehenden Sonne leuchten: Da sind die großen Konzerne!, und sein Arm zeigt nach rechts, Hier sind die christlichen Kirchen, und der Arm stößt nach links, Hier liegt das Öl, und der Finger fährt zur Hölle, Und da oben ist die Bombe, weist die Hand gen Himmel, Und in der Mitte da ist - da ist das Weiße Haus! Er malt das Kreuz des Bösen in die Luft, und es könnte platt klingen, segnete da nicht die Musik seine Worte, würde da nicht die Ruf-und-Antwort-Dialektik dem Flachen die ironische Tiefe verleihen, Oh, brother, Really? Tell me!, Stop Starbucks!. Reverend Billy schreit, flüstert, jubelt, und bricht zusammen, stöhnt Stop Shopping den schwer beshoppten Damen zu, die ihm lächelnd zunicken, klassisch mit den Juwelen rasseln und amüsiert klatschen. Die unheilige Allianz aus Kapitalismus und seinen Kritikern, der aberwitzige Kampfruf des Gesponserten gegen seine eigenen Sponsoren, ist nur als musikalischer Dualismus zu ertragen. Hinter dem Reverend leuchtet rot das BAYER-Kreuz.

Es sind die Prediger aus Amerika, die den Widerspruch zwischen Sehnsucht und Realität in der Schwebe halten. Und so erscheint die Verpflichtung der amerikanischen Romantikerin Patti Smith zum Eröffnungskonzert als ideales Symbol. Heldenverehrung, Heilung durch Musik, die Energie, die aus Kunst und Liebe entsteht - sie verbindet ihre großen Themen an diesem Abend mit ihren greatest Hits, den Chorälen des Widerstands, sie betanzt die ausverkaufte Halle, bis die Halle steht. Sie brüllt nach Free Money und erinnert sich an Redondo Beach, beschwört We Three und Gloria. Das Konzert wird zur ekstatischen Messe, wo sie Energie anfangs nur spielt, kippt das Ritual in Wahrheit um, wir Gläubigen wollen glücklich sein, die Kirche ist in Bochum.

Und doch, als sie als letzte Zugabe ihr Power To The People skandiert, ihre Hymne des Volkes, die sie den 800 000 in Köln widmet, macht sich einen kleinen Moment lang Ernüchterung breit. Luft entweicht aus der Kirche. Jener Hauch von Naivität wird spürbar, der zur amerikanischen Romantik gehört.