Der Besuch von Benedikt XVI. in Deutschland beginnt mit einem Windstoß: als sich die Tür zum Flugzeug des Papstes öffnete und er die Gangway betrat, flog ihm sein weißes Käppi vom Kopf. Er bückte sich erst, ließ es dann aber fliegen. Ein Zeichen seiner Lockerheit wollten manche darin erkennen. Die Szene lenkt den Blick aber auch auf den Kern der Reise und die außergewöhnliche Aufmerksamkeit, auf die sie weltweit stieß. Der Mann in Weiß hat noch nicht alles im Griff, er lernt erst, Papst zu sein.

Joseph Ratzingers erste Auslandsreise in der neuen Rolle wurde damit auch zu einem Test für den Amtsinhaber selbst. Nach den vier Tagen in Deutschland gibt es erste Antworten darauf, wie ihm das Papstsein bekommt.

Sicher ist, er wird ein Papst unter Spannung sein. Er muss einen Kontrast aushalten, den in dieser Form keiner seiner unmittelbaren Vorgänger kannte: So wenig er selbst sich für medientauglich halten mag, so unausweichlich ist er Papst erst in und durch die Öffentlichkeit. Ob er will oder nicht (und er will wohl eher nicht), er steht unter dem neuen Imperativ des Papsttums nach Johannes Paul II. - zum Papst wählen kann nur das Konklave, zum Papst machen kann nur die Öffentlichkeit. Von dieser Bürde waren Johannes Pauls Vorgänger noch frei, denn erst seine Ausnahmeerscheinung hat die Erwartung vom sichtbaren Papst geschaffen, der seine Nachfolger jetzt unterworfen sind.

Keineswegs war es im 20. Jahrhundert ein Naturgesetz, wie während des Kölner Weltjugendtages oft suggeriert, dass die Jugend der Welt auf das Oberhaupt der katholischen Kirche blickte. Ebenso wenig existierte die Vorstellung, der Stellvertreter Gottes auf Erden erfülle seine Pflichten nur, wenn er sich auf Marktplätze oder Rheindampfer stelle. Eine Persönlichkeit wie die Ratzingers, meist beschrieben als scheu, zurückhaltend, den Büchern zugewandt, war lange Zeit in diesem Amt viel geläufiger als der stets als Maßstab angeführte Johannes Paul II. Der Medienstar JPII, nicht der Kurienkardinal mit Lesebrille, ist die Ausnahme unter den Päpsten. Mit der Reise vor die Kameras des Weltjugendtages hat Benedikt die Verdammnis zur Sichtbarkeit anerkannt.

Er hat damit eingewilligt, im Widerspruch zu seiner Persönlichkeit zu leben.

Die Kameras von Köln widerlegten zugleich eine zentrale Annahme über den neuen Papst - dass er kein Mann fürs Fernsehen sei. Benedikt XVI. braucht das Fernsehen mehr noch als Johannes Paul II. Es ist, paradoxerweise, ihm sogar gemäßer als seinem mediengewandten Vorgänger. Der Theologieprofessor von einst mag sich bei öffentlichen Auftritten vorrangig auf die Schärfe seiner Gedanken und die Geschliffenheit seiner Worte verlassen. Seine Wirkung jedoch erzielt er durch ein Gesicht, das nicht von der Mimik der Macht beherrscht ist: da ist mehr ablesbar an Unsicherheit und also Menschlichkeit, als manche Kritiker ihm zubilligen wollen. Zur inneren Spannung seiner Person gehört ein Gesicht, das die Härte seiner Positionen zu dementieren scheint. Zu sehen ist das nur in Nahaufnahme.

Doch so öffentlich der Besuch zelebriert wurde, so sehr blieb er eine Veranstaltung für Eingeweihte. Benedikts Ansprachen vor den Jugendlichen waren alle auf die Bestärkung im Bestehenden gerichtet, auf die Erhaltung eines Glaubens, den der Papst als gegeben voraussetzt. Wer nicht schon angetan ist von der Kirche, wurde hier kaum angelockt.