Theo Veneris ist 56 Jahre alt und von eher kleinem Wuchs. Seine braunen Augen stechen ein wenig, aber die meiste Zeit liegen sie hinter einer Sonnenbrille verborgen, die stets zur Farbe seines Poloshirts passt. Das ist eine Marotte von ihm. Er trägt zwei Handys mit sich herum, und er hasst sie, aber "diese Scheißdinger haben mein Business verdoppelt". Das klingt gut, ist aber immer noch nicht das, was sich der Präsident der Hotelvereinigung von Euböa, der zweitgrößten Insel Griechenlands, vorstellt. "Ich denke", sagt er einmal allen Ernstes, "wir haben hier das Potenzial, ein zweites Miami zu werden."

Es wäre zu einfach, Theo Veneris als Großmaul zu bezeichnen, obwohl es oft schwer fällt, in seiner Vita zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden. Nach eigenen Angaben war er einmal Rennfahrer, was stimmt, aber auch noch Profischwimmer und die Nummer acht im griechischen Tennis, was zwar alles möglich ist, aber ein wenig viel für alle, die nicht über die Fähigkeiten griechischer Götter verfügen. Doch Veneris hat einen weichen, fürsorglichen Kern, und er würde mit Sicherheit einen guten Freund abgeben. Und gegenüber seiner Frau ist seine Sprache schon eher nur noch freches Flöten. Das mag, nebst der Liebe natürlich, auch daran liegen, dass die Hotelanlage, über die Veneris herrscht und die mit 1300 Betten die größte der Insel ist, zu einem beträchtlichen Teil mit dem Geld seiner Frau errichtet wurde.

Wie alle Männer, deren Gehabe sich im Irgendwo zwischen Aristoteles Onassis und Ernest Hemingway breit macht, ist Veneris auch die Kehrseite seiner selbst. Dann sitzt er ruhig und einsam auf seinem Stuhl, und er sieht aus, als ob es nicht einfach sei, Theo Veneris zu sein. Seine extremen Gefühlswelten erinnern einen an die Landschaftswelten der Insel. Beim ersten Treffen an seiner Hotelbar etwa war er wie Chalkis, die Hauptstadt, die laut ist, fiebrig überdreht und eine Bühne fürs Geschlechterspiel. Er dachte über Helikopterflüge in den Norden nach, und er fluchte, weil immer wieder irgendwelche Frauen seine Handys zum Klingeln brachten, obwohl er doch "a married man" sei. Dann wieder ist er klar und trocken wie der Süden der Insel mit seinen sonnenverbrannten Hügeln und gibt einem noch kaum bartwüchsigen Barman zu verstehen, dass, wenn der Frappé nicht so sei, wie er ihn gerne hätte, er ihn ihm sonst wo hinstecken werde. Und wenn er, der ehemalige Rennfahrer, in seinem irgendwie organischen Stil Auto fährt, ruht er in sich wie die an vielen Stellen schöpfungsbelassene Landschaft ganz im Norden der Insel.

Am letzten Abend in Marmari, einer kleinen kalkweißen Stadt im Süden, wo man trotz der hingewürfelten Hotels und Häuschen aus Beton ein paar Tage verweilen könnte, ohne unglücklich zu werden, hält Veneris leise zurückhaltend und eindringlich wie ein Mönch in einem der vielen Klöster der Insel eine Abschlussrede. Es gibt frittierte Calamares, gegrillten Fisch, Wein und drei Vizedirektoren der Hoteliervereinigung. "Ich wollte zeigen", sagt er feierlich, "wie die Insel ist, wie wir sind, wie wir Kaffee trinken und essen. Ich habe gezeigt, was wir können und was wir noch lernen müssen." Dann nimmt er ein Glas Wein. "Auf Evia", ruft er.

Picassos Sohn ist nicht zu Hause. Die Fensterläden sind geschlossen

Auf Evia, wie die 250000 Einheimischen die Insel nennen, zu trinken ist an diesem Abend kein Problem. Der Tag war eine Bootsfahrt, ein kleines Inselhüpfen zwischen den zehn Petali-Inseln vor Marmari. Es war ein Tag in der Sonne, im Meer und immer wieder kurz auf dem Land zwischen Olivenbäumen und den Anwesen reicher Menschen. Drei der Petali-Inseln sind bewohnt. Picassos Sohn Claude besitzt eine davon, zwei griechische Reeder die beiden anderen, aber sie sind nicht da, die Fensterläden ihrer Häuser sind geschlossen. Man läuft um die Häuser herum, flaniert in den Gärten, es knirscht auf den Kieswegen, und der Wein, den man im Garten des ehemaligen Schlösschens von König Georg I., das heute dem Reeder Emberikos gehört, unter einem breit gefächerten Maulbeerbaum trinkt, reißt einen hin und her zwischen dem Glück, hier zu sein, und dem Unglück, nie der und wahrscheinlich nie irgendein Schlossherr zu sein.

Die schönste Erde Griechenlands ist immer den Reichen vorbehalten oder Gott. Das Tröstliche daran ist, dass, wer nicht reich ist, immer noch Gott hat und die schlossähnlichen Klöster, die Menschen ihm zu Ehren errichtet haben. Der Norden von Evia ist fruchtbares Land für Heilige, Gläubige und Abergläubige. Die Fichten- und Pinienwälder, die Schluchten und Berge und die Weltabgeschiedenheit bieten jenen Raum, in dem Legenden gedeihen können und innerer Reichtum. Gerontas Jacobos ist die jüngste Legende. Der Abt des Klosters Ossios David, das zu Füßen der beiden Berge Kavalaris und Xiron Oros liegt, wo Zeus um die Hand von Hera angehalten haben soll, starb vor ein paar Jahren kurz und schmerzlos. Ein Tod, der zu dem Mann, dem man nachsagt, dass er Schmerzen lindern konnte, gut passte. Das Ableben des Heilers tat dem Besucherstrom keinen Abbruch. Immer noch fahren Busse voller Schmerzgeplagter, die hoffen auf ein wenig vom Reichtum Gottes, hoch zu jenem Kloster, das der wundersamen, in der Tat schmerzfreien Auferstehung Jesu gewidmet ist. Manche, bei denen die Sehnsucht nach metamorphosis, nach Gestaltveränderung, tief sitzt, lassen sich eine Zelle geben, bleiben länger, ein paar Tage, Wochen, ein ganzes Leben. Und man fühlt es, schon nach kurzer Zeit; in den Mauern des Klosters verflüchtigt sich der Schlosstraum vom Süden ganz schnell.