Leicht macht es einem die Kunst nicht. Was nicht zuletzt daran liegt, dass sie ihre Erscheinung, ihre Regeln und Gesetze, andauernd ändert. Wenn die Kunst eine ästhetische Grenze übertritt - gilt diese danach noch? Die Karikatur etwa funktioniert als Zerrbild der Norm des realistischen Porträts. In den schiefen Bildnissen von Henri de Toulouse-Lautrec ist aber Verzerrung die Norm, Karikaturen sind sie also nicht mehr - was aber dann?

Mit solchen Beispielen führt der Kunsthistoriker Werner Hofmann auf ungesichertes Terrain - in den Raum der Moderne schlechthin, wo der Möglichkeitssinn (Robert Musil) jene fließende Veränderung und Kombination der Gegensätze antreibt, die die verwirrende Vielfalt heutiger Kunst ausmachen. Diese Dynamik ist für Hofmann (Goya, 2003) das Charakteristikum der modernen Ästhetik - die seine nun versammelten Texte aus 50 Jahren mit Leidenschaft verteidigen. Die stilistisch bestechenden Essays zeigen Momente plötzlichen Gestaltwandels in der Kunst. Beispiel ist oft die klassische Moderne, doch führt Hofmann auch die kühne, gotisch-klassizistische Stilsynthese des Wörlitzer Gartens von 1784 als eine Vereinigung des Disparaten vor. Ein Drittel des Buchs widmet sich den Gelehrten, etwa Jakob Burckhardts Sinn für Jegliches, für überraschende Verwandtschaften zwischen Epochen und Werken, worin Hofmann eine Sensibilität für die ästhetischen Wagnisse in der Kunst erkennt. Nur wer die obszönen Kritzeleien auf einem strengen Selbstporträt des jungen Picasso nicht als Albernheit abtut, sieht darin den Keim der Erotik und Ironie des späteren, großen Picasso. Indem Hofmann den Blick für solche Kontinuität über die Brüche hinweg öffnet, macht er die verrufene Zersplitterung als verbindendes Element der modernen Ästhetik verstehbar. Dies ist kein Freibrief zur Beliebigkeit: Erst im Regelwerk bauen sich die schöpferischen Spannungen auf, die zu jenen Durchblick gewährenden Rissen führen, welche Hofmann erhellend ausleuchtet.

Werner Hofmann: Die gespaltene Moderne

Aufsätze zur Kunst - C. H. Beck Verlag, München - 208 S., Abb., 19,90 e