Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Diese banale Weisheit hat die Verantwortlichen der Luftfahrtindustrie noch nicht erreicht. Nach alter Väter Sitte versucht die Zunft nach schweren Unfällen aus Tonaufnahmen des Voicerecorders zu erlauschen, ob, wann und warum Piloten vor einem Crash richtig oder falsch gehandelt haben. Jeder Hobbydetektiv würde die alte Audio- durch modernere Videotechnik ersetzen. Längst wird diese breit genutzt, von Pförtnern und Nachtwächtern, zur Überwachung von Bankautomaten oder U-Bahnen. Doch ausgerechnet Flugzeugbauer und Airlines, die ihre hohen Technik- und Sicherheitsstandards preisen, verzichten auf bildgestützte Überwachung und beharren auf ihren antiken, billigeren Lauschgeräten. Das rächt sich nun.

Als am vergangenen Wochenende nach sechstägiger Suche in den Wracktrümmern der Voicerecorder der bei Athen zerschellten Boeing 737 gefunden wurde, kam die Hoffnung auf, endlich die Ursache dieses Unglücks zu finden. Stundenlang war ein Jet der zypriotischen Fluggesellschaft Helios führerlos bei Athen gekreist und schließlich abgestürzt. 121 Menschen starben. Doch nach der ersten Auswertung der Black Box (sie besteht aus zwei Geräten, dem Flugschreiber für technische Daten und dem Voicerecorder) blieb der genaue Unfallhergang weiterhin mysteriös. Verursachte ein technischer Defekt das Desaster, war es Pilotenversagen, war es eine Mischung aus beidem?

Zwar hoffen die Experten immer noch, die Ursachen aus einem Puzzle von Informationen rekonstruieren zu können; aber die Suche wird schwieriger. So war der Erkenntnisgewinn aus der Auswertung des Voicerecorders enttäuschend: Atemgeräusche, Flüstern. Eine verzweifelte Stimme ruft: "Mayday, Mayday!" Da nur die letzten 30 Minuten registriert werden, blieb unklar, warum der deutsche Kapitän aus dem Cockpit verschwunden und sein Kopilot bewusstlos zusammengesunken war. Offenbar meldete die Crew bereits kurz nach dem Start in Larnaka Probleme mit der Kühlung der Elektronik. Techniker von Helios erklärten dem Kapitän, er solle auf Reservekühlung gehen und eine Sicherung hinter seinem Sitz umschalten. Dann riss der Funkkontakt ab. Der Autopilot schleuste die Boeing automatisch auf Reiseflughöhe in Richtung Athen. Schon im Steigflug schrillten wegen Sauerstoffmangels Warntöne im Cockpit, in der Kabine fielen Sauerstoffmasken herab. Rätselhaft, warum die Piloten nicht unter 3000 Meter Höhe zurückkehrten, wo sich Außenluft noch gut atmen lässt. Waren sie mit den technischen Problemen beschäftigt, hat der Sauerstoffmangel sie überrascht?

Schon beim Steigflug schrillten im Cockpit die Warntöne

Stur flog die Boeing Warteschleifen bei Athen, Anfragen der Lotsen blieben unbeantwortet. Terrorverdacht! Zwei Abfangjäger der griechischen Luftwaffe stiegen auf. Die Kampfflieger entdeckten im Cockpit der 737 den bewusstlosen Kopiloten, der Kapitän war verschwunden. Später versuchte ein Steward verzweifelt, die seit mehr als einer Stunde kreisende Maschine in den Griff zu bekommen. Schließlich begann der Jet einen Sinkflug zum Athener Flughafen. Zu spät. Treibstoffmangel würgte zuerst ein, später das zweite Triebwerk ab. Zehn Kilometer vor dem Ziel zerschellte die Boeing.

Auch wenn Geisterflüge sehr selten sind – 1999 flog ein Kleinjet mit sechs ohnmächtigen Menschen an Bord durch die USA – wüssten alle gerne, ob sich ein solches Unglück wiederholen kann. Sicher ist nur, dass eine modernere Aufzeichnungstechnik helfen könnte, aus solchen Unglücken zu lernen. Die internationale Gemeinschaft der Unfallforscher fordert schon seit Jahren Videoaufzeichnungen in Jets für mehr als neun Passagiere. "Internationale Standards für Videorecording gibt es längst", sagt Axel Thiel, Leiter der Recorderauswertung bei der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) in Braunschweig. In Testinstallationen habe sich die Technik bewährt. Etwa wenn Rauch in der Kabine aufsteigt oder dem Kapitän die Brille von der Nase fällt, die er dann tastend sucht. "Gerade im Fall der Helios-Maschine könnten Videobilder wertvolle Hinweise liefern", meint Thiel.

Woran scheitern die Unfallforscher? Zunächst an den zusätzlichen Kosten einer moderneren Infrastruktur – "für eine große Airline kann das in die Millionen gehen". Die Trägheit internationaler Politik verschleppt wichtige Entscheidungen. Auch die Piloten wollen keine Videoüberwachung, zumindest so lange nicht, wie der Datenschutz in vielen Ländern noch mangelhaft ist. Sie befürchten den Missbrauch von Videoaufnahmen – sensationsgierige Medien könnten hohe Summen bieten und dramatische Aufnahmen, wie etwa aus der Helios-Maschine, vermarkten. Doch schon die Überwachungsstandards ersticken solch zynische Bildergier. Das Cockpit würde nur von hinten gefilmt. Nicht der Gesichtsausdruck der Piloten interessiere, beruhigt Thiel, sondern vielmehr die Stellung der Instrumente und deren Bedienung.