DIE ZEIT: Herr Gabriel, zweimal hat die SPD die Republik regiert, und jedes Mal gab es danach eine neue Partei, früher die Grünen, heute die Linkspartei. Wie kommt das?

Sigmar Gabriel: Sozialdemokraten mussten oft in Krisenzeiten regieren. Anfang der siebziger Jahre gab es einen Anstieg der Arbeitslosigkeit, wir hatten massive innenpolitische Kontroversen über die Bekämpfung des Terrorismus und darüber, wie sehr der Staat die Bürgerrechte einschränken darf. Es gab die Auseinandersetzung über Atomkraft und die nukleare Bedrohung im Kalten Krieg. Heute haben wir eine ökonomische und soziale Krise. Das hat auch zu Widerspruch geführt und am Ende dazu, dass sich neue Parteien gegründet haben – wobei noch nicht ausgemacht ist, dass die Linkspartei sich so stabil entwickelt wie die Grünen. Ich glaube, dass die alten Ostkader der PDS und die Westsektierer der WASG sich schnell zerstreiten werden.

ZEIT: Gibt es auch ein sozialdemokratisches Fremdeln mit dem eigenen Regieren?

Gabriel: Ja, so etwas gibt es gelegentlich auch. Aber hinter alldem, was es an Verunsicherung in der Sozialdemokratie und auch in den Gewerkschaften gibt, steckt ein grundlegendes Problem unseres Landes. SPD und Gewerkschaften versprechen seit 140 Jahren, dass sie den sozialen Fortschritt an den ökonomischen Fortschritt koppeln werden. Das war und ist gewissermaßen das Kernversprechen der Sozialdemokratie. Hinter diesem Versprechen verbirgt sich die Idee von Emanzipation, die Idee von Freiheit dadurch, dass man sein Leben selbst in die Hand nehmen kann. Und die Menschen haben erlebt, dass wir dieses Versprechen halten konnten. Seit geraumer Zeit merken die Leute nun, dass dieses Versprechen brüchig geworden ist, dass wir die Koppelung von sozialem und wirtschaftlichem Fortschritt in wichtigen Fragen nicht mehr schaffen. Vor allem nicht mit nationalen Mitteln. Es gibt immer noch wirtschaftlichen Fortschritt, aber immer weniger profitieren davon.

ZEIT: Sie reden von Freiheit. Unter SPD-Mitgliedern genießt sie gegenüber der Sicherheit laut Umfragen nur einen untergeordneten Stellenwert.

Gabriel: Willy Brandts Buch hieß nicht "Links und sicher", sondern Links und frei. Man ist aber nur frei, wenn man in sozial sicheren Verhältnissen leben kann. Es gilt der alte Marxsche Satz: Das Reich der Freiheit beginnt dort, wo das Reich der Notwendigkeit endet. Und wir Politiker haben die Aufgabe, uns um dieses Reich der Notwendigkeit zu kümmern. Ein Beispiel: In Niedersachsen macht die Firma Otis zu und geht nach Tschechien. Dann kommt zuerst der Ministerpräsident der CDU, Herr Wulff, und hält eine flammende Rede vor der Belegschaft. Am Ende seiner Rede steht unausgesprochen der Satz: Aber helfen kann ich euch auch nicht. Dann halte ich als Oppositionsführer eine flammende Rede, und da steht auch am Ende unausgesprochen: Aber helfen kann ich euch nicht. Dann kommt Jürgen Peters von der IG Metall und hält die flammendste Rede von allen, und am Ende steht der Satz: Helfen kann ich euch auch nicht, aber ich mache einen Sozialplan für euch. Warum soll jemand Mitglied der Gewerkschaft bleiben oder SPD wählen, wenn er feststellt, dass er doch sich selbst überlassen ist, wenn es eng wird?