Es war einmal eine Straßenfußballerstraße in 405 Mönchengladbach. Der Garagenhof der Reihenhauszeile schräg gegenüber war der ideale Platz: leicht geneigt (das erforderte perfekte Ballkontrolle, sonst rollte die Pille ins Aus) und mit diesen Steinen in Hundeknochenform gepflastert (das machte die Blutgrätsche unmöglich). Wir spielten mit Bällen jeder Größe, Form, Farbe und waren, immer gleich live mitkommentiert, Kleff, Netzer, Heynckes, "unglaublich, wie er sich am linken Flügel gegen fünf Gegenspieler durchsetzt…". Und doch hat keiner aus der Venner Straße zur Rettung des deutschen Fußballs beigetragen. Fehlte es uns an den deutschen Tugenden, der Härte, der Disziplin? Nein, unsere ärgsten Feinde waren nie der innere Schweinehund oder die äußere Beschaffenheit des Platzes, sondern – unsere Nachbarn. Die Garagenbesitzer, gegen deren braune Metalltore wir den Ball hämmerten, bis sie entnervt Schonung forderten. Und dann war da noch die Dame, die wir altersmilde Frau S. nennen wollen.

Man hätte sie für unseren größten Fan halten können, wie sie Nachmittag für Nachmittag hinter den stocksteifen Gardinen im Erdgeschoss das Spiel beäugte. Doch sie bewachte nur ihren Vorgarten. Zwei mal fünf Meter zu Tode onduliertes Grünzeug, in den bläulich schimmernden Nadelhölzern hatte sie ihrer eigenen Samstag-ist-Friseurtag-Frisur ein Denkmal gesetzt. Schlug der Ball auf ihrem Grund und Boden ein, war die Partie zu Ende. Unser Ball wurde konfisziert oder wir derart zur Rede gestellt, dass keiner mehr einen Schuss wagte. Nur unser Dachdecker, Herr Fliege, nahm den Zweikampf mit ihr auf. Zur Reparatur unseres Garagendaches hatte er einen Fuß auf ihres stellen müssen, was sie in Harnisch brachte. Er aber blieb furchtlos. "Jank rin, du Kroan", pfiff er sie an. Verschreckt flatterte die Nachbarskrähe davon; für dieses eine Mal war der Sieg über des deutschen Spießers Ordnungswahn unser.

Frau S. ist lange tot, und der Mönchengladbacher Fußball krebst so dahin, immer abstiegsgefährdet. Dabei war er meine Jugend und ist immer noch das Selbstbewusstseinselixier dieser Stadt, die so ziemlich alles verloren hat, ihre alte Substanz im Krieg, ihre Textilindustrie in den Jahrzehnten danach, schließlich sogar ein Großteil der Soldaten aus dem nahen Headquarter der britischen Armee, weil die ganze Welt eine andere geworden ist. Wie ja auch kein Spieler der Borussia mehr als "möblierter Herr" in der Venner Straße wohnt wie damals Henning Jensen, der legendäre dänische Mittelstürmer, 125 Spiele, 44 Tore, zweimal Meister, einmal Pokalsieger, oben unterm Dach in Haus Nummer 230. Oder war es 232? Sieht eh eins aus wie das andere, die Klinker blassgelb wie zu dünne Limonade, dunkelbraune Fensterrahmen und Türen, dazu die notorischen Glasbausteine. Auch Uli Stielike lebte zur Untermiete, in einem der Reihenhäuser gegenüber, an unserem Platz sozusagen, er hätte uns entdecken können zwischen einem seiner 42 Länderspiele, aber dann ging er ja nach Madrid, zu Real. Jetzt trägt er wieder Sakkos, die zu unserer Straße passen, so weit hat er es gebracht. Nur Jupp Heynckes konnte sich schon damals einen Bungalow leisten, umraunt, bestaunt, östlich der Venner Straße, in Windberg. Jetzt, Jahrzehnte später, nach seinem Sieg mit Madrid in der Champions League und dem Ende auf Schalke, hat er sich außerhalb von Gladbach einen Bauernhof zugelegt und ihn zur Finca aufrüsten lassen. Don Jupp spielt Spanien am Niederrhein.

Mit dem Fahrrad klapperten wir sie ab, die Idole ereignisloser Tage in einer Großstadt, die doch immer Provinz geblieben ist. Die Haushälterinnen reichten wortlos Autogrammkarten heraus; mit dem Verkauf von Günter Netzer in Schwarzweiß verdiente ich in der katholischen Grundschule mein erstes eigenes Geld. Beim Sankt-Martins-Singen waren die Fußballer erste Adressen, statt "Hier regiert der VfL" sangen wir "Ich gehe mit meiner Laterne" in die Gegensprechanlagen, die aber stets stumm blieben. Vielleicht verdienten die Profis damals noch nicht genug, um zur Nettigkeit gegenüber den Fans verpflichtet zu sein. Noch heute erinnere ich mich an die Aufsicht auf Hacki Wimmers Haarkranz, als er sich nach dem Training mürrisch über mein Kicker- Mannschaftsposter beugte und es mit seinem Autogramm perforierte.

Fast alles war Fußball damals, da war man als Gladbacher und Mitglied des Massenjahrgangs 1964 immerhin wer: Generation Borussia, fünfmal Meister zwischen 70 und 77. Mein Vater, der Torwart gewesen war, meldete mich zwar nie in einem Verein an, hatte aber eine Dauerkarte, Haupttribüne am Bökelberg, dem alten Stadion, wie man jetzt sagen muss, seit es die neue Schüssel gibt im Borussiapark. Jeden zweiten Samstag fuhren wir die Venner Straße mit dem Auto hinauf, parkten kilometerweit vor dem Stadion und gingen den Rest des Weges zu Fuß. Ich bewunderte die Verwegenen, die eine Viertelstunde vor Anpfiff ihr Auto irgendwo an einen Vorgarten in Stadionnähe quetschten, aber mein Vater ließ nicht mit sich reden. "Hinterher sind wir viel schneller und zur Sportschau wieder zu Hause."

Niemand dachte daran, den stürmischen Stil der Borussia mit den Ereignissen von 1968 in Beziehung zu setzen, das haben sich Jahrzehnte später Eierköppe von auswärts ausgedacht. Studenten? Revolte?? Hier regierte und regiert ohn’ Unterlass die CDU, und als Joseph Beuys bei der Eröffnung des Museums Abteiberg eine Plastikgabel in ein Einmachglas voller Gips steckte, sagten wir alle unisono: Das soll Kunst sein? Das können wir doch auch! Wenn Konformismus je Stadt geworden ist, dann hier. Und die 2,5 Kilometer Venner Straße sind die Tangente daran.

Chinaböller, Telefonterror – mehr Revolte war nicht am Niederrhein