Monsieur le Comte rümpft die Nase: Auf dem grünen Louis-XV-Sesselchen liegt ein Paar Socken. Unverkennbar getragen. "Das widert mich an", echauffiert sich der Graf. Laurent, Comte de Coral, ist sein voller Name, ein kleiner Mann mit dunklen Locken über einer aristokratischen Halbglatze, dichten Augenbrauen und extrem kurz geschnittenen Fingernägeln, die er theatralisch weit von sich streckt, als er die dunkelgrauen Socken eines Gastes vom Sesselchen hebt und sie neben dem Möbelstück auf den Boden fallen lässt.

Laurent, Comte de Coral, ist von altem Adel. Sein Stammbaum lässt sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Sein Schloss, das Chateau d’Urtubie, im französischen Baskenland nahe des Seebades Saint-Jean-de-Luz gelegen, gehört seit seiner Erbauung anno 1341 der Familie des Grafen. Um die vorletzte Jahrhundertwende dienten den Adligen dort noch 22 Leute, aber wer im 21. Jahrhundert ein Schloss besitzt, ist entweder neureich oder bettelarm. 150000 Euro kostet der Unterhalt von Château d’Urtubie im Jahr. Deshalb musste Graf Laurent seinen Stammsitz für Fremde öffnen. Und so kommt es, dass der Graf heutzutage immer wieder schmutzige Socken von den Sesseln seiner Ahnen klaubt. Mit Todesverachtung, versteht sich. Entsetzt klopft er die Finger an den makellosen Bügelfalten seiner Tweedhose ab, die er trotz 30 Grad im Schatten trägt.

Wir begleiten ihn auf seinem mittäglichen Rundgang durch die Zimmer, auf dem er kontrolliert, ob die Putzfrau ordentlich sauber gemacht hat. Der Graf schließt die hölzernen Volets, auf dass die Sommerhitze nicht in die Räume dringt – das spart viele Kilowattstunden Strom für die Klimaanlage. Mit einem Taschentuch aus edler Baumwolle wischt er ein paar Wasserflecken von den chromglänzenden Armaturen, die nachträglich an historische Waschtische und frei stehende Badewannen angebracht wurden.

"Dieses Bett ist von 1666", erklärt er mit weit ausholender Geste, die einer Primaballerina gut stünde. "Aber die Matratze ist neu, selbstverständlich." Neu wie auch die Fernseher. Abgesehen davon aber, hat jedes Möbelstück eine Geschichte: Der Lieblingslehnsessel der Ururgroßtante Joséphine, das Bett in dem Wellington nächtigte, als er das Schloss während der napoleonischen Kriege als Quartier beschlagnahmte. Die Steingutkannen aus dem 19.Jahrhundert, mit denen Generationen der Familie die Waschschüsseln füllten, bevor im Schloss fließend Wasser installiert wurde.

Zehn Zimmer vermietet Laurent de Coral, 215 von 1000 Quadratmetern Wohnfläche im Schloss, und er sagt, er sei glücklich, wenn das Haus voll sei. Nicht allein des Verdienstes wegen, nein, "so ein großes Schloss ist traurig, wenn es nicht von vielen Menschen bewohnt wird". Es fällt ihm auf, und er genießt es, dass viele Gäste, kaum dass sie den überdimensionalen, kunstgeschmiedeten Zimmerschlüssel in der Hand halten, Schlossherrenattitüden übernehmen: Vielleicht ein wenig nasaler sprechen oder einen Finger abspreizen.

Persönlich führt der Graf Hotelgäste durch das kleine Museum, um das sich sonst seine Töchter und zwei angestellte Führerinnen kümmern. Stolz präsentiert er den befestigten Burgturm aus dem 14.Jahrhundert, die belgischen Tapisserien aus dem 16.Jahrhundert, das Jagdzimmer, den Ballsaal und den roséfarbenen Salon mit den Porträts seiner Ahnen. Die Könige Louis XI und Louis XIV waren auf Château d’Urtubie zu Gast und eine kaum überschaubare Zahl illustrer Adliger, die Graf Laurent wahrscheinlich alle aufzählen könnte, wenn wir nicht lieber den sechs Hektar großen Schlosspark sehen würden, sorgfältig angelegt im Stil der barocken Gärten von Versailles. Geduldig erklärt Monsieur le Comte die Form der Rabatten, zeigt auf alte Bäume und gibt Tipps fürs Programm der nächsten Tage.