Kleists Trauerspiel Penthesilea handelt von der Liebe, aber es spielt im Zentrum einer gewaltigen Schlacht. Griechen und Trojaner schlagen seit langer Zeit aufeinander ein. Und nun fällt über beide Männerheere eine dritte Kraft her, das Heer der Amazonen.

Die Amazonen sind ein Volk gedemütigter und missbrauchter Frauen, eine Truppe, die im Gegenschlag lebt, in der Ausgelassenheit der Rache. Die Amazonen brauchen keine Männer, sie brauchen bloß Samenspender, die sie nach vollzogenem Akt massakrieren. Sie wählen sich ihre Männer nicht, denn die Wahl wäre schon ein Zeichen von Achtung, nein, sie käschen sie achtlos aus der Masse.

Der Amazonenkönigin Penthesilea unterläuft während eines solchen Angriffes etwas Verhängnisvolles: Sie begehrt einen bestimmten Mann. Sie entdeckt im Gewimmel des feindlichen Genmaterials den Griechenkönig Achilles.

Achilles und Penthesilea verfallen einander. Ihre Liebe ist eine Orgie zum Tode. Intimität und Glück finden sie nur im Kampf, im Ritual. Achilles besiegt Penthesilea in einem ersten Gefecht und will sich aus Liebe in einem zweiten Gefecht von ihr besiegen lassen.

Jedoch, die Amazone versteht die Geste des Achilles als Affront und zerfetzt ihn im Blutrausch. Als sie erwacht, weiß sie von nichts. Man sagt ihr, dass sie die Mörderin ihres Liebsten sei. Da tötet sie sich selbst, mit der Kraft des Willens: Sie formt in ihrer Brust aus Jammer und Reue einen Dolch - und ersticht sich.

Solche Waffen des reinen Willens begegnen uns bei Kleist immer wieder. Im Grunde sind seine Helden selbst Waffen - zu Tat und Entschluss geballte Einzelne. In seiner Schrift Von der Überlegung umreißt Kleist, wie der Mensch zu leben habe. Er soll erst handeln und dann über seine Tat nachdenken: Die Überlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher nach, als vor der Tat.

Der Mensch nämlich ist ein Ringer, der in Kämpfe mit einem überlegenen Gegner verstrickt ist. Und derjenige sei der beste Kämpfer, der beim Kämpfen nicht denke - hinterher aber schon. Wer das nicht kann, der wird, was er will, in keinem Gespräch, durchsetzen - viel weniger in einer Schlacht.