DIE ZEIT: Sie haben der Wende 1989 das Stichwort geliefert: der Bürger als Mündel des vormundschaftlichen Staates. Hat sich das Mündel denn gar nicht emanzipiert?

Rolf Henrich: Das Mündel hat nach der Wende die Erfahrung gemacht, dass Geld dann fließt, wenn man sich in eine solche Mündelrolle hineinbegibt. Für mich ist das aber nicht nur ein Problem des Ostens. Nach der Wende wurde an die Strukturen, die ich für die DDR beschrieben habe, in gewisser Weise nahtlos angeschlossen. Nehmen Sie das Land Brandenburg und seine drei berühmtesten Großprojekte: die Chip-Fabrik, den Cargolifter, den Lausitzring. Auch hier meinte der Staat wieder, dass er es besser weiß als, wenn Sie so wollen, die Bürgergesellschaft. Dass er den staatlichen Wirtschaftler spielt. Also Planwirtschaft.

ZEIT: Industriepolitik im großen Stil.

Henrich: Ja. Es wird auf die großen ökonomischen Komplexe gesetzt und nicht auf einen Bürgertyp, der sich mittelständisch eine Existenzbasis schafft und so aus einer mündelbestimmten Rolle heraustreten kann. Das ist ja hier im Osten immer ein besonderes Problem gewesen: diese Kombinate. Auch über die 40 Jahre hinaus gibt es eine Vernichtung des Handwerks.

ZEIT: Kann man denn überhaupt noch von einem einheitlichen Osten sprechen?

Henrich: Man muss unterscheiden zwischen Sachsen und Thüringen und dem klassischen Ostelbien – das war vor 1945 Junkerland. Da gab es das Problem des Mündels schon bei den Hardenbergschen Reformen. Die zielten ja auch darauf ab, einen selbstständigen Bauern zu schaffen. Damals ist das nicht auf Zustimmung gestoßen. Auch da hat das Mündel, als die Beschränkungen seiner Freiheit aufgehoben wurden, wieder nach dem großen Vormund gerufen. Und das ist seit dieser Zeit, wenn wir vom klassischen Ostelbien reden, ein Problem. Nach 1945 wurden ja hier in der DDR nahtlos an diese Junker-Strukturen die LPGs angekoppelt.

ZEIT: Wo sehen Sie den vormundschaftlichen Staat nach dem Ende der DDR weiterwuchern?

Henrich: Unter anderem Namen, als Sozial- und Verteilerstaat, der über 50 Prozent des Nationaleinkommens zentralisiert und sich als der ganz große Ökonom aufspielt. Das ist jetzt ein bisschen plakativ, unbestritten – aber im Grunde die Fortsetzung des vormundschaftlichen Staates.

ZEIT: Warum kommt ein bürgerlicher Mittelstand im Osten so schwer auf die Beine?

Henrich: Ein entscheidender Grund ist, dieser Mittelstand startet in einer Zeit, wo der Kuchen bereits verteilt ist. Es ist nicht wie nach 1945, dass die Marktanteile jetzt erobert werden. Wir haben eine Situation, in der potente Produzenten im Westen Deutschlands und darüber hinaus bereitstehen, den Markt hier zu bedienen, indem man die Maschinen einfach länger laufen lässt.