London

Wir wollen arbeiten!" Die Stimme des Starpredigers überschlägt sich. "Was wir, die arabische Jugend, wirklich wollen, ist eine Chance. Wir wollen etwas für die Länder, in denen wir leben, tun", sagt er und blickt eindringlich ins verzückte Publikum. Amr Chaled ist der Superstar unter den islamischen TV-Predigern. Am vergangenen Wochenende lud der Mittdreißiger arabische Jugendliche nach London ein. "Gemeinsam für eine bessere Zukunft" steht auf den großen Bannern, die überall im Konferenzzentrum von Wembley von den Decken hängen. Unter diesem Motto trommelte Amr Chaled Geschäftsleute, Politiker und Vertreter von internationalen Organisationen – islamischen und nichtislamischen – zusammen. Sie sollen ein Aktionsprogramm entwickeln, damit die arabische Jugend nicht länger nur als Sicherheitsrisiko gesehen wird.

"Ich habe mir lange überlegt, was ich euch heute erzählen soll", sagt Amr Chaled und schaut wieder mit diesem eindringlichen Blick auf die zumeist jungen Frauen im Publikum: "Ich will, dass ihr vergnügt seid, denn die letzte Zeit war schon schwer genug, nach allem, was hier in London passiert ist, und wo viele von euch erst einmal in Deckung gegangen sind. Bei unserer Konferenz, da sollt ihr euch wohlfühlen und einmal durchatmen können." Er predigt eine Mischung aus Kuschelislam und Mitmachprogramm. Die gut 2000 Jugendlichen sehen in ihm eine Kreuzung aus Popstar und großem Bruder. Amr Chaled tut gut, und er hat etwas zu sagen. Er macht zwar demonstrativ einen Bogen um die Politik, doch durch seine Fähigkeit, Jugendliche zu mobilisieren, ist er längst zu einem Faktor in der Politik der Region geworden.

Kleidersammeln gegen den Terror im saudischen Dschidda

Das haben nicht nur viele arabische, sondern auch westliche Regierungen bemerkt. Der britische Minister Kim Howles, zuständig für die arabische Welt, wandte sich mit einer Videobotschaft an die Konferenzteilnehmer. 1400000 arabische Jugendliche haben sich an einer Umfrage auf Amr Chaleds Internet-Seite beteiligt. "Was sind eure größten Sorgen?", wollte er wissen. Die allermeisten vermissen die Chance, etwas aus ihrem Leben zu machen. "Sie haben das Gefühl, auf der faschen Seite des Zaunes zu stehen und nur zugucken zu können, wie die anderen leben", fasst Amr Chaled zusammen. "Wir müssen endlich aufhören zu reden und etwas tun." Das Publikum jubelt.

Etwas tun! Bisher gab es vor allem einen in der arabischen Welt, dem man nachsagte, dass er zumindest etwas tue und so die Belange der arabischen Welt in das Bewusstsein des Westens gebracht habe: Osama bin Laden. Amr Chaled will dem Terror etwas entgegensetzen. Die Idee zu der "Konferenz für eine bessere Zukunft" existierte schon, bevor am 7. Juli 52 Menschen in der Londoner U-Bahn in den Tod gerissen wurden. Amr Chaled setzt besondere Hoffnung in arabische, aber auch westliche Geschäftsleute.

Scheich Salah Kamel, der Vorsitzende der Vereinigung der islamischen Banken, will mitmachen. Er denkt über ein Kleinkreditprogramm für junge Existenzgründer nach, natürlich islamisch korrekt und ohne Zinsen. Zudem will sich Kamel, der zugleich Chef der ART-Fernsehgruppe ist, auch an einem anderen Programm beteiligen: Die Konferenzteilnehmer einigen sich auf eine Medienkampagne für die Vermittlung eines richtigen Islams. Neue Talkshows und Erziehungssendungen sollen erdacht werden.