Der Zufall, der manchmal die Programmentscheidungen der Verlage bestimmt, hat uns jetzt zwei Spionagegeschichten serviert, die praktisch zur selben Zeit spielen. Nur fünf Monate liegen zwischen der Handlung von Alan Fursts Die Stunde des Wolfs und Joel Ross’ Alias XX. In beiden geht es um das entscheidende Jahr 1941; am Ende des ersten Romans fällt Nazideutschland über die Sowjetunion her, der zweite schließt mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor.

Der Amerikaner Alan Furst schreibt seit Jahren an einer Art Privatgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Die Helden seiner Romane sind Privatleute, nicht gerade Menschen wie du und ich, sondern Diplomaten und Geschäftsleute wie der ungarische Graf Polanyi, der seine Verbindungen und sein Vermögen einsetzt, um Hitlers Vormarsch in Europa zu behindern, wie in Nacht der Sirenen (ZEIT Nr. 24/04). Für Furst war zu jener Zeit die Scheidelinie zwischen Barbarei und Zivilisation deutlicher gezogen als in den Vereinigten Staaten von heute. In seinen "Abenteuerromanen mit intelligenten Helden" nach dem Vorbild Joseph Conrads bezieht natürlich jeder, der noch einen Funken europäischer Kultur in sich spürt, Position gegen Hitler. Wie der holländische Reeder Terhoven, der im April 1941 aus London nach Tanger kommt, um sein Trampschiff Noordendam sowie Mannschaft und Kapitän dem niederländischen Geheimdienst und den Alliierten zur Verfügung zu stellen. Der Augenblick, in dem Kapitän Eric de Haan in einer Hinterhofkaschemme als Korvettenkapitän Ihrer Königlichen Majestät Wilhelmina vereidigt wird, wird zum Beginn einer wahrhaft "dunklen Reise" (wie das Buch wörtlich übersetzt heißen würde).

Getarnt mit falscher Flagge und falschem Namen, transportiert die Noordendam Waffen, Flüchtlinge, Spionagematerial erst im Mittelmeer, dann in die Todesfalle Ostsee, deren Zugänge im Kattegatt von den Deutschen beherrscht werden. Furst erzählt im gewohnt lakonischen Ton, wie de Haan und seine aus Gegnern, Opfern und Verfolgten des Nazismus bestehende Mannschaft in zweimonatiger Fahrt zu Veteranen eines buchstäblich uferlosen Krieges werden. In knappen Szenen skizziert er ihr Heldentum als gelassene Hinnahme des sie umbrandenden Chaos. Zwei Figuren bleiben besonders im Gedächtnis haften: der Funker Mr. Ali, der selbst unter Feindbeschuss als ägyptischer Gentleman agiert, und der deutsch-tschechische Agent des britischen Geheimdienstes S. Kolb, ein Houdini der Unscheinbarkeit.

Wahnsinnig vor Schmerz und Wut, ist der Held leicht manipulierbar

Während Furst auf großer Fahrt den europäischen Kriegsschauplatz vom östlichen Mittelmeer bis zur Südküste Finnlands umkreist, spielt der Debütroman des Briten Joel Ross in London, das Tag und Nacht von der deutschen Luftwaffe bombardiert wird. Thomas Wall, amerikanischer Freiwilliger im spanischen Bürgerkrieg, Sergeant der kanadischen Armee im Krieg auf dem Balkan, schwer verwundet beim Angriff der Deutschen auf Kreta (dem auch die Noordendam beinahe zum Opfer fällt), liegt mit mehrmals operierter, schwärender Hand im Militärkrankenhaus, gepeinigt von Schlaflosigkeit und Morphiumallergie. Halb wahnsinnig vor Schmerz und Wut, hat er nur ein Ziel: sich an seinem Bruder, dem Geheimdienstoffizier Earl Wall zu rächen. Tom glaubt, sein Bataillon sei auf Kreta geopfert worden, um die Identität dieses einen Agenten nicht auffliegen zu lassen. Seine hektische und verzweifelte Suche wird gleich von mehreren Seiten instrumentalisiert. Zum einen ist da der dämonische deutsche Agent Sondegger. Der Wagneropern summende Verführer soll das deutsche Agentennetz überprüfen, das in Wirklichkeit längst vom britischen Geheimdienst umgedreht wurde. Das muss wiederum das "Zwanzigerkomitee", dem der Roman seinen deutschen Titel Alias XX verdankt, mit allen Mitteln – und die Manipulation von Walls Zorn ist eines davon – verhindern. In diesem System von Bluff und Gegenbluff, Täuschung und Übertäuschung irrt Tom Wall blutend durch das halb zertrümmerte London. Erträglich wird dieses leicht überzeichnete Sergeanten-Pathos durch die zwischen Ironie und Sarkasmus changierende Sprache des Autors. Zwei Spionagegeschichten: Die eine ist die leise, romantische Hommage eines Amerikaners an das alte Europa, die andere das wendungsreiche und spannende Debüt eines Engländers, das zudem noch eine neue Nuance über den Kriegseintritt der Amerikaner beisteuert. Tobias Gohlis