Um fünf Uhr singen die Lerchen, der Nebenmann schnarcht. Draußen ist es bitterkalt, Raureif liegt über der Steppe, der Wind pfeift um die hölzernen Toilettenkabinen. Katzenwäsche im eisigen Gebirgsbach. Noch verschwimmen die Fünftausender im grauen Morgendämmer. Als die Sonne hinter den Bergen emporsteigt, zeichnen sich im zartrosa Licht die Konturen der Umgebung ab: eine Kette von schneebedeckten Gipfeln, davor der aquamarinblaue Song-Kul, Grasland, auf dem Pferde weiden, und ein paar pilzförmige Filzjurten, die im Halbkreis stehen. Was für eine Weite, was für eine Stille! Ein Standbild für die Ewigkeit.

Von der Hauptstadt Bischkek bis hierher hatte der Kleinbus unserer Reisegruppe sieben, acht Stunden gebraucht. Er war über Schlaglöcherstraßen und Schotterpisten gerumpelt, über steile Serpentinen hoch zum Dolon-Pass gekrochen, hatte übervoll beladene Schrottlaster passiert, die sowjetisches Altmetall nach Süden ins stahlgierige China transportieren. Jetzt sind wir mitten in Kyrgystan, mitten in der Weltabgeschiedenheit, in einem Jurtencamp für Touristen auf der Song-Kul-Hochebene. Nicht weit entfernt ducken sich vom Wetter gegerbte, traditionelle Nomadenzelte auf den jailoos, Weideplätzen in den Hochtälern, zwischen Seeufer und Bergrücken. Von Juni bis September übersommern hier die Hirtenfamilien mit ihren Herden – Pferden und Kühen, Schafen und Ziegen und den seltenen Yaks. Nomaden auf Zeit.

Mit Nargisa, der jungen Dolmetscherin, machen wir uns auf die Wanderung. Alle paar hundert Meter stehen Jurten. Vor einem Zelt sitzt eine Frau und melkt Stuten, ihre Töchter halten die Fohlen fest. Wenig später kommt uns ein Mädchen mit schwarzem Zopf und pinkfarbenem Kleid entgegen, gießt aus einem Henkeleimer weiße Brühe in eine Schale und reicht sie uns, freundlich nickend. Es ist kymyz. Die gegorene Stutenmilch schmeckt halb rauchig, halb säuerlich. "A gscheits Weißbier wär mir liaba", schüttelt sich einer der Bayern aus unserer Gruppe.

Aus dem Schornstein der nächsten Jurte dringt Rauch. Unter einer Plane stapeln sich Briketts aus Schaf- und Kuhdung. Über dem Zaun des Pferchs hängen Kleider zum Lüften, auf bunten Bettlaken sonnen sich Lämmer. Die Nomadin bittet uns in die Stube. Kymyz? Nicht schon wieder!

Auf den Straßen fahren deutsche Gebrauchtwagen und Eselsgespanne

Wir laufen über Berghänge, die bedeckt sind von Blumenteppichen. "Wie bei uns an Fronleichnam", sagt jemand entzückt. Lila Ziest und weißes Läusekraut, Mädchenhaargras und Vergissmeinnicht. Und das Allerschönste: Es gibt Edelweiß in rauen Mengen. Die Luft auf gut 3000 Metern ist verdammt dünn, erbarmungslos brennt jetzt die Steppensonne. Beim Picknick auf einem Bergsporn umschwirren uns gelbe Schwalbenschwänze, durch das Fernglas erkennen wir einen Steinadler am Himmel, von irgendwo pfeift das Murmeltier. Die grünen Berghänge sehen aus wie ein Samtkleid mit Falten.

Kyrgystan, das wegen seiner imposanten Bergwelt die "Schweiz Zentralasiens" genannt wird und knapp fünfmal so groß ist wie die europäische Schweiz, grenzt an die Flächenriesen Kasachstan und China sowie an Usbekistan und Tadschikistan. Ein gutes Drittel des Landes liegt über 3000 Metern, die höchsten Gipfel des Gebirgsmassivs Tien-Schan, was zu deutsch Himmelsberge heißt, übersteigen locker die 7000 Meter, der Pik Pobeda, Gipfel des Sieges, etwa oder der Pik Lenin.