Das internationale Reitturnier CHIO in Aachen ist eigentlich nicht gerade ein idealer Ort für vertrauliche politische Gespräche. Kaum irgendwo gibt es so viel Publikum wie hier: Mit ungefähr 300000 Besuchern an fünf Tagen rechnen die Veranstalter; 40000 Zuschauer fasst allein die große Arena, in der Spring- und Dressurreiter ihre Künste zeigen. Am Samstag dieser Woche findet auf dem Turniergelände dennoch ein ungewöhnliches, geheimes Treffen statt: Die CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel begegnet einer Runde von Wirtschaftsvertretern, die hochrangiger kaum denkbar ist.

Zugesagt haben unter anderem Dieter Zetsche und Klaus Kleinfeld, die neuen Vorstandschefs von DaimlerChrysler und Siemens sowie die Vorstände Burckhard Bergmann (E.on), Franz Fehrenbach (Bosch), Hans-Joachim Körber (Metro), Ekkehard Schulz (ThyssenKrupp), Reinhold Huber (Lufthansa), Harry Roels (RWE), Jürgen Hambrecht (BASF) und Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Der Termin wurde kurzfristig auf Wunsch der Wirtschaftsvertreter angesetzt. Ungefähr eineinhalb Stunden soll Merkel mit den Managern sprechen. Dann steht der Besuch einer "Springprüfung mit Pferdewechsel" auf Merkels Programm.

So diskret und unauffällig ging es bisher selten zu, wenn sich die Mächtigen aus den Konzernen und der Politik unmittelbar vor einem Wahltag trafen. Wie hatte einst Gerhard Schröder als Kanzlerkandidat seine Wirtschaftskompetenz, seine Erfahrungen als Aufsichtsrat von Volkswagen, sein Image als "Genosse der Bosse" zelebriert! Nichts war ihm wichtiger, als sich als Mann der Wirtschaft zu inszenieren – und zwar so, dass es auch diejenigen registrierten, die keine Zeitung lasen und allenfalls durch die Spätnachrichten zappten.

Sie kennt die meisten Chefs der Dax-Unternehmen persönlich

Schröder vermarktete sich als "Automann", erfand einen "Autogipfel" mit den Chefs von Volkswagen, Porsche und BMW. Für das Wirtschaftsressort suchte er sich Manager, keine Politiker: Erst den Unternehmer Jost Stollmann, dann den Energiemanager Werner Müller. Edmund Stoiber wiederum ließ als Kanzlerkandidat des Jahres 2002 keine Gelegenheit verstreichen, bayrische Wirtschaftsdaten vorzutragen. In sein Kompetenzteam berief er den Jenoptik-Sanierer und früheren CDU-Ministerpräsidenten Lothar Späth.

Angela Merkel pflegt einen völlig anderen Stil. Sie führt einen Wirtschaftswahlkampf ohne Männer und Frauen aus der Wirtschaft. Sie kennt die meisten Dax-Vorstandschefs persönlich, einige seit Jahren, aber viel Aufhebens macht sie davon nicht. Sie hat sich klarer für harte Reformen ausgesprochen als alle ihre Vorgänger – Lieblinge der Wirtschaft blieben dennoch männliche Mitstreiter wie Friedrich Merz oder Christian Wulff. Für Merkel äußern die Bosse Respekt und Zustimmung in der Sache, für den Kanzler Sympathie.