DIE ZEIT: Frau Roll, macht Angela Merkel eine andere Politik als ihre männlichen Kollegen – weil sie eine Frau ist?

Evelyn Roll: Sie macht anders Politik als andere, und ein Grund dafür ist sicher die Tatsache, dass sie eine Frau ist. Aber es gibt dafür auch noch eine ganze Reihe anderer Gründe, und jeder verschafft ihr einerseits Vorteile, hat aber andererseits auch Nachteile. Sie ist von außen dazu gekommen, das hat ihren Blick für die bundesrepublikanische Realität geschärft. Nur deswegen gelang ihr zum Beispiel, was die gleichaltrigen männlichen Parteifreunde aus dem Westen nicht so schnell konnten: Erkennen, dass es mit Helmut Kohl an der Spitze für die Partei keinen Weg aus der Spendenaffäre geben würde.

Andererseits hatte dieses Von-außen-Kommen für sie immer auch ein Handikap: Es fiel ihr zum Beispiel schwer zu verstehen, mit welchen heftigen Gefühlen in Westdeutschland über Atomkraft oder die Achtundsechziger debattiert wird.

ZEIT: Die Härte, mit der sie ihren Ziehvater Helmut Kohl abserviert hat, entspricht nicht gerade dem weichgezeichneten Bild einer "weiblichen" Politik.

Roll: Nein, aber Politik ist nun einmal so, ob sie männlich oder weiblich exekutiert wird. Wenn Angela Merkel von der Unumkehrbarkeit eines Prozesses überzeugt ist, leistet sie sich keine Sentimentalitäten mehr. Nur wird das bei einer Frau anders kommentiert als bei einem Mann. Sucht sie den Kompromiss – bei Männern gilt das als politische Begabung –, liest man über Merkel in den Zeitungen, sie sei zögerlich. Setzt sie sich durch, ist sie die eiskalte Lady, an deren Wegesrand sich die Leichen von gemeuchelten Männern türmen.

ZEIT: Was man über Helmut Kohl eventuell auch sagen könnte…