Arm geboren ist der kleine Peer, der Held in H. C. Andersens einzigem Roman Peer im Glück. Sein echtes (nämlich unbewusstes) Glück ist, dass er sich über die Schäbigkeit der Welt hinwegzuträumen vermag. Weil er aber auch Talent und Verstand besitzt und weil einer, der nichts hat, sowieso alles setzen kann, macht Peer mit der Träumerei Ernst und wird Künstler. Erst Tänzer, dann Sänger und Dichter, schließlich Komponist. Eine freilich fabulöse Karriere - vielleicht ist der musengeküsste Peer doch eine Märchenfigur, die sich ins biedermeierliche Dänemark nur verirrt hat. Christian Brückner liest Peer und Rosemarie Fendel einige der unbekannten Märchen, die berühmt zu sein verdienen (Parlando Verlag, Berlin 2005, 4 CDs, 323 Min., 29,90 e). Hier wie dort breitet Andersen eine bunte Erzähldecke aus, welche die Eitelkeit, Frivolität und Bosheit der Welt kaum noch zudeckt. Diese Oberfläche polieren Brückner und Fendel so glänzend auf, dass sich darin Poesie, Ironie und Tragik spiegeln, wie Andersen sie zeigt: als ununterscheidbare Drillinge.

Geheimschriftlich

Leben schlägt Literatur. Zumindest im Fall des Londoner Beamten Samuel Pepys (1633 bis 1703) und seiner geheimen Tagebücher. Zehn Jahre lang hat Pepys geschrieben, 3100 Seiten Geheimschrift, die erst 100 Jahre später entdeckt wurden. Was Pepys dazu veranlasste, ist unklar. Doch hat er der Nachwelt ein einmaliges Zeugnis vermacht, in dem Alltag und Historie, Persönlichstes und Politik unvermittelt beieinander stehen. Es lässt den Leser ins 17.

Jahrhundert treten, so einfach und direkt wie durch eine Tür. Verblüffend modern wirkt er, weil er alles mit gleicher, tagesordnungspunkthafter Nüchternheit wiedergibt: Besuch des Königs, eine Bluttransfusion bei Hunden, Pest und Brand von 1666, seine Eifersucht und eigene Untreue. Das ist so komisch und faszinierend wie der Blick ins intimste Protokoll eines Menschen.

Roger Willemsen liest die von ihm ausgewählte Kostprobe geübt, nicht geschult, mit typischer Willemsen-Stimme eben (Kein & Aber Records, Zürich 2005 - 2 CDs, 121 Min., 19,90 e). Das ist eine gute Lösung, um Pepys' geraden Stil, den jede Theatralik nur verkünsteln würde, lebendig zu machen.