Soll bloß keiner auf die Idee kommen, das hier sei etwas anderes als der gemeinsame Ausflug von zwei SPD-Ministerpräsidenten, die sich einfach gut verstehen. Deshalb betonen der Postdamer Matthias Platzeck (51) und der Berliner Klaus Wowereit (51) bei ihrer Sommertour durch die Uckermark vergangene Woche gleich zu Beginn, dass dieser Termin schon lange feststand. Sehr lange. "Sind Sie jetzt das neue Gespann der SPD?", fragt eine Radio-Journalistin ungerührt nach. Platzeck und Wowereit stehen im hohen Gras vor einer Raffinerie in Schwedt, sie grinsen, halb gequält, halb geschmeichelt. "Das mit dem Gespann stimmt, das neu nicht", sagt Platzeck, "und dass wir nicht vorhaben, am 18. September in die Grube zu steigen, das merken Sie ja." Später im Bus sagt Wowereit noch, dass ihre Bedeutung demnächst zwangsläufig steigen werde, wenn die SPD nur noch fünf Ministerpräsidenten habe. Und keinen Kanzler mehr. Das sagt er natürlich nicht. Der Satz hängt einfach so in der Luft. Der Regierende Bürgermeister von Berlin lächelt, er sieht aus wie ein satter Kater.

Vier Wochen vor der Wahl fräst sich die Wirklichkeit in das Bild der SPD und ihres strahlenden Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder. Die erhoffte Aufholjagd in den Umfragen ist ausgeblieben, die SPD stagniert bei knapp 30 Prozent, sie wird allenfalls als Juniorpartner in einer Großen Koalition regieren. Wie ein Soufflé fällt sie nun zusammen, nein, nicht Angela Merkel, wie von Joschka Fischer prophezeit, sondern die Wahlkampfstrategie der SPD. Längst wird in der Partei mehr über den 19. September geredet als über den 18. September. Wie geht es weiter – und mit wem?, lautet die Frage, die alle bewegt, aber offen nicht diskutiert werden darf, weil das hieße, die Wahl verloren zu geben. Wer wird in Zukunft sozialdemokratische Politik formulieren, wer wird sie verkörpern? Wer soll im Bundestag Rednern wie Gysi, Lafontaine oder Joschka Fischer Paroli bieten, falls sich die SPD als eine von drei linken Parteien in der Opposition wiederfindet?

Manchmal, verkündete der Bundeskanzler bei einem Fest der Netzwerker, junger SPD-Abgeordneter, vor einem Jahr launig, da frage er sich, wer wohl einmal sein Nachfolger werden könne. "Und dann guckt man und guckt und guckt – und dann muss man wohl doch selbst weitermachen", sagte Schröder. Die jungen Genossen lachten. Schmeichelhaft war das nicht für sie, aber es war ja irgendwie auch etwas Wahres dran.

Einen geborenen Nachfolger für Schröder gibt es nicht und auch nicht für Franz Müntefering, ja, eigentlich gibt es nicht mal eine richtige zweite Reihe in der SPD. Es gibt nur eine Aufgabe, und die ist sehr groß: eine ausgezehrte Sozialdemokratie zu rekonstruieren, personell und inhaltlich.

Soll bloß keiner auf die Idee kommen, das hier sei etwas anderes als eine stinknormale Wahlkampfveranstaltung des Abgeordneten Olaf Scholz (47) aus Hamburg-Altona. Deshalb macht Scholz am Montagabend im Diakonischen Werk gleich mal "eine klare Ansage zu den politischen Zielender hier Anwesenden: Wir alle wollen in den Bundestag, und wir alle wollen, dass Gerhard Schröder Kanzler wird." Die "hier Anwesenden" sind neben Scholz die Parteilinke Andrea Nahles (35) und der frühere niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel (45). Nahles, Gabriel und Scholz gelten als kommende Leute in der SPD, Erstere auch als Konkurrenten. Zwei Stunden diskutieren sie über Steuern, Bildung und Gesundheit, und irgendwie schaffen Gabriel und Nahles es, sich nebenbei auf subtile Weise zu duellieren. Erst gibt Nahles die leidenschaftliche Verfechterin der sozialen Gerechtigkeit, dann stellt Gabriel fest, dass bei aller Wichtigkeit des Sozialen in der letzten Zeit auch "etwas mit der Leistungsorientierung schief gegangen" sei. Immerhin, meint Andrea Nahles, als sich rausstellt, dass sie beide auf der Realschule waren, habe sie heute "’ne Gemeinsamkeit mit Sigmar" entdeckt. "Heute erst?", fragt Gabriel zurück. "Na, irgendwann müssen wir ja damit anfangen", kontert Nahles. Zur Strafe hält Gabriel ein flammendes Kurzreferat über die Zukunft der SPD, das auch als Bewerbung für das Amt des – sagen wir: Generalsekretärs durchgehen könnte. Dazwischen sitzt Scholz und grient in sich hinein, dass man denkt: Ein Direktmandat für seine Gedanken.

Gabriel, Nahles, Scholz, Platzeck und Wowereit, sie alle werden wohl eine Rolle spielen beim Generationenwechsel. Welche, das wissen sie selbst noch nicht genau, sie erproben sich zum ersten Mal gemeinsam. "Nischenpolitiker" hat Andrea Nahles die 35- bis 50-Jährigen genannt, weil im Windschatten der dominierenden 68er jeder in seiner Nische vor sich puzzelte. Das war manchmal ärgerlich, aber bisweilen auch ganz beruhigend. Man konnte in Deckung bleiben, man musste keine Verantwortung übernehmen. Jetzt können die Alten nicht mehr, und die Jungen wissen selbst nicht genau, ob sie es schon können. Jahrelang haben sie über die amtierende Riege geschimpft, weil die Nachwuchs immer nur als Konkurrenz gesehen habe. Doch nun geht es ihnen ein bisschen schnell mit dem Übergang, sie sind nicht darauf vorbereitet. Sie spüren, dass der Druck wächst, dass sie den Anspruch auf Generationenwechsel auch inhaltlich untermauern müssen (siehe Interview S. 6). Die meisten hoffen auf ein Wahlergebnis, das Müntefering als Parteichef überleben lässt. Müntefering, der mit 65 sicher nicht zu den Jungen gehört, aber auch nicht zu den 68ern, der ein Moderator des Übergangs sein kann.