Columbus/Georgia

Für die Verhältnisse der Stadt Columbus im US-Bundesstaat Georgia ist der Platinum Club ein hochklassiges Etablissement. Der Eintritt in das Stripteaselokal kostet fünf Dollar, und jeder bekommt so viele »heiße Frauen« und »kalte Biere«, wie er sich leisten kann. An diesem Tag ist nur eine Hand voll Kunden da, die ein halb nacktes Mädchen begaffen, das sich um ein Stahlrohr windet. Es ist eine ruhige Nacht in Columbus. Die meisten Kunden, Soldaten aus der Militärbasis Fort Benning vor der Stadt, sind im Irak – schon zum zweiten Mal.

Am 13. Juli 2003 war alles anders. Damals kehrten gerade Tausende von Soldaten aus der Kriegszone zurück. Im Platinum Club drängten sich die Gäste. In Fort Benning sprangen an jenem Tag fünf junge Soldaten in ein Auto, gierig nach Nachtleben. Jacob Burgoyne, Mario Navarrete, Alberto Martinez, Douglas Woodcoff und Richard Davis, alle 23 Jahre alt, waren erst 72 Stunden zuvor aus dem Krieg zurückgekommen. Nach Monaten im Irak und in Kuwait, wo Frauen und Alkohol meist außerhalb ihrer Reichweite lagen, hatten sie einigen Nachholbedarf. Schon als sie im Platinum ankamen, waren sie schwer angetrunken.

Tony, der Türsteher des Clubs, hat die fünf als krakeelenden Haufen in Erinnerung. Zweimal hatte er sie schon ermahnen müssen, es ruhiger angehen zu lassen. Als Richard Davis dann einen der Tänzer schlug, setzte Tony die ganze Gruppe vor die Tür. Auf dem Parkplatz fing Jacob Burgoyne eine Prügelei mit seinem randalierenden Kameraden Davis an. Als irgendjemand die Polizei rief, sprangen alle fünf Soldaten in Martinez’ Auto und verschwanden in der Sommernacht.

Vier Monate später sezierte der Gerichtsmediziner von Muscogee County den Leichnam von Richard Davis und zählte 33 Stichwunden. Den Aussagen zufolge, die Burgoyne und Navarrete nach ihrer Verhaftung machten, hatten die fünf Soldaten in jener Julinacht, nachdem sie den Platinum Club verlassen hatten, mit ihrem Auto an einer dunklen Stelle am Straßenrand angehalten. Dort sei die Keilerei mit Davis weitergegangen. Irgendwann habe Alberto Martinez ein Messer gezogen. Sowohl Burgoyne wie Navarrete behaupteten später, sie hätten noch versucht, Martinez zurückzuhalten. Sicher ist jedoch nur dies: Nachdem Davis tot war, bemühten sich alle vier, das Verbrechen zu vertuschen. Sie fuhren zu einem Laden, kauften Feuerzeugbenzin, übergossen damit Davis’ Körper und zündeten ihn an. Die Leiche warfen sie in einen Wald, wo sie vier Monate später, im November 2003, gefunden wurde.

»Jake hat mir erzählt, dass Martinez in dieser Nacht einen Tobsuchtsanfall hatte. Er war einfach nicht mehr aufzuhalten«, sagt Billy Urban. Sie ist Jakes, Jacob Burgoynes, Mutter. Gemeinsam mit ihrem zweiten Mann wohnt sie in einem bescheidenen roten Backsteinhaus in der Kleinstadt Keystone Heights im nördlichen Florida. Vor dem Haus steht ein Polizeiauto. Dennis Urban, Jacobs Stiefvater, ist der stellvertretende Sheriff hier. Mrs. Urban sagt, sie sei »nicht eine von diesen Müttern, die glauben, ihr Sohn könne keine Fehler machen«. Sie sagt, es sei vermutlich die Redseligkeit ihres Sohnes gewesen, die zur Verhaftung geführt habe. »Er konnte schon als kleiner Junge nicht lügen. Wenn er etwas Verbotenes getan hatte, haben wir ihm das immer sofort angemerkt.«

Aber ihr Sohn ist nicht mehr der kleine Junge. Etwas hatte sich verändert nach seiner Rückkehr aus dem Irak, und seine Mutter merkte das, als sie nach der Verhaftung Jakes seine Habseligkeiten in der Kaserne abholte. Darunter entdeckte sie seine Krankenakte. »Diagnose: PTSD« stand darin, posttraumatisches Stress-Syndrom. Und weiter: »Patient muss jederzeit unter Aufsicht stehen, darf keine Waffen tragen. Patient zeigt Neigungen zu Mord/Suizid. Patient wird nach Rückkehr in Psych. befohlen.«

Noch schockierter war Billy Urban, als sie erfuhr, dass Jacob am 6. Juli versucht hatte, sich das Leben zu nehmen – nur wenige Tage vor seiner Rückkehr nach Amerika. »Man würde doch denken, dass die Armee einer Mutter so etwas mitteilt«, sagt sie. »Aber sie haben nur gesagt, dass Jake erwachsen ist. Sie hätten seine Privatsphäre zu respektieren.«

Jacob Burgoyne ist nur einer von vielen Kriegsheimkehrern, deren Wunden niemand sieht. Es wird geschätzt, dass mehr als 100.000 amerikanische Soldaten mit Symptomen von PTSD aus dem Irak und aus Afghanistan zurückgekommen sind. Eine offizielle Studie der Armee, deren Ergebnisse im Dezember 2004 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurden, kam zu dem Schluss, dass zwischen 15,8 und 17,7 Prozent der Soldaten, die an der Operation Iraqi Freedom teilgenommen haben, Anzeichen von »schwerer Depression, Angstzuständen oder PTSD« zeigten. Betroffen von psychischen Belastungsstörungen ist demnach jeder sechste Soldat – und mehr als eine Million Soldaten haben insgesamt im Irak und in Afghanistan gedient.