Vielleicht geht es nicht anders, wenn ein Musikschreiber selbst Musik macht: Man muss über andere reden. Es gilt, die Einflussangst offen zu legen, die den eigenen Songs vorausgeht - gerade wenn es vorwiegend Luftschlösser sind, die auf den Fundamentresten der Vorbilder errichtet werden. Lawinenhund heißt eines dieser bezaubernden Stücke von Jens Friebes neuem Album In Hypnose, und würde er es nicht selbst preisgeben, niemals wäre man auf die Idee gekommen, dass Zeilen wie Ich möchte dir dienen, und / Ich möchte dir Schnaps geben / Nenn mich Lawinenhund / Ich suche Leben aus der eingehenden Beschäftigung mit Iggy Pops sadomasochistischer Kaputtnikhymne I Wanna Be Your Dog hervorgegangen sein könnten. Zu bizarr ist die Idee, das Aufgabeln einer Frau zu später Stunde als Hervorziehen unter den Schnee- und Geröllmassen des Nachtlebens zu inszenieren.

Jens Friebe trägt seinen Kopf so hoch, dass er manchmal an die Wolken stößt - aus den Stolperern formt er dann seine Songs. Wenn er nicht gerade mit journalistischen Brotjobs für das Kölner Musikmagazin Intro und die Berliner tageszeitung beschäftigt ist. Nimmt man noch den Umstand hinzu, dass In Hypnose von dem Hamburger Kante- und Tocotronic-Produzenten Tobias Levin zusammengeschraubt wurde, hat man ziemlich genau den Kosmos umrissen, in dem sich seine Platte bewegt. Eigenbrötlerisches Dandytum auf dem goldenen Boden des Handwerks trifft anpolitisierte Indierock-Sensibilität. In Hypnose ist Friebes zweites Album nach dem Überraschungserfolg seines Debüts Vorher Nachher Bilder. Oszillierte jenes noch ein wenig unentschlossen zwischen Indierock und Electropop, so hat er nun Ersteren entschieden mit Elementen des Letzteren aufgepeppt.

Ansonsten hat sich nicht viel verändert. Aus den Alltags-Epiphanien des Mittzwanziger-Großstadtlebens baut Friebe Stücke, die ihren Charme aus Sprachbildern ziehen und dabei nie so glatt sind wie ein Schlager. Vorher lässt Friebe es kunstvoll holpern. Sei es in den eigenartigen Kontrasten des Fleichfresseranklage-Songs Theke der Toten, seiner Variante des Gassenhauers Meat Is Murder von den Smiths: Es gibt Öl, es gibt Mehl, es gibt Brot und es gibt Wein / Doch an der Theke mit den Toten kaufst Du ein. Sei es in Kennedy, der ersten Single-Auskoppelung, die eingängig und kaum entschlüsselbar den Tod des amerikanischen Präsidenten mit dem traurigen Schicksal einer Schulabschlussball-Königin zusammenführt.

Der Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer soll Friebe einst bei einem Auftritt entdeckt und an sein Label weiterempfohlen haben. Auch wenn der surreale Humor von Friebes Musik weit von Blumfelds romantischem Intellektualismus entfernt ist, in einem sind sie doch verwandt: So schrullig wie allgemeinverständlich wird hier aus einem Privatuniversum heraus die Welt gesucht. Ein Stück wie Still etwa, Friebes hoch individueller Befund, sich am Ende einer Tour seinem Publikum entfremdet zu fühlen, dürfte jedem handlungsreisenden Ich-Unternehmer genauso aus der Seele sprechen wie möglicherweise einem demnächst ehemaligen Bundeskanzler: Es war mir eine Ehre / Es war mir eine Freude / Es war mir gegen Ende / Vielleicht etwas zu viel.

Jens Friebe: In Hypnose Zickzack/Labels 0094633142121