Wer dieser Tage durch Brandenburg und Sachsen reist, der macht eine sonderbare Erfahrung. Der Osten, der ihm begegnet, wirkt weder frustriert noch proletarisiert. Er scheint bestens gelaunt. Babymord, einander überbietende Publikumsbeschimpfungen durch Politiker, eine vorgezogene Notstandswahl, die ganze Merkel-Schröder-Roadshow, die notorischen deutschen Sorgen – das alles ist weit weg. Ein fernes Grollen aus München, Berlin, Potsdam.

Nicht das Lächeln der Kandidaten hängt in den südbrandenburgischen Alleen; lauter Feste sind plakatiert. Seefeste. Stadtfeste. Spreeauenfeste. Heimatfeste. Country-Festivals. Marktschreier-Spektakel. Das Peitzer Fischerfest und die Spremberger Kurzfilmnacht. Und das ist nur eine kleine Auswahl. Der Osten, dieser große Freizeitlümmel, feiert trotzig gegen die schlechte Laune an, die ihm von Westen übergekippt wird.

Wenn das proletarisch ist, dann ist das Proletariat des Ostens in der postindustriellen Freizeitgesellschaft des Westens angekommen und macht sich einen netten Sommer.

Stoiber, heißt es im Westen, sei durch die neuesten Umfragewerte voll rehabilitiert. Seine Sottisen über frustrierte, minderqualifizierte Ost-Wähler haben ein grimmiges Kopfnicken daheim an den Bildschirmen ausgelöst. Endlich sagt es denen da drüben mal einer; der Stoiber, der traut sich was.

Es geht dem Westen mit seinem hoch alimentierten und zugleich jederzeit übellaunig bekrittelten Zögling im Osten wie jenen haltlosen modernen Eltern, die ständig schwanken zwischen konsumistischer Bestechung ihrer Kleinen und säuerlicher Enttäuschung über deren robusten Party-Nihilismus.

Weiter geht die Fahrt. Aus Kiefernwäldern taucht jetzt die große, nagelneue Lausitzer Seenplatte auf – in der DDR leer gebaggerte und nun über Jahre geflutete Braunkohletagebaulöcher. Künftige Marinas mit Segelbooten. Taucherwelten mit künstlich versenkten Schiffen. Surfparadiese. Einigermaßen uncool steht der alte industrielle Ernst des Lebens in Gestalt einiger letzter Großwerke in diesen neuen Wellness-Landschaften: das legendäre Kombinat Schwarze Pumpe, neu verkleidet in elegantem Silbergrau. Relikt eines vergangenen proletarischen Zeitalters im sommerlich heiteren Freizeitpark.

Und dann das. In einem einsam gelegenen Sparkassenpavillon die Stimme im Nacken:

"Hey, Wessi!"

Ein junger Mann von vielleicht 20 Jahren ist es, der den Fremden am Geldautomaten mit diesen Worten anspricht. Mit zwei Freunden betritt er den Pavillon, und ein Blick über die Schulter macht klar, er meint es überhaupt nicht spaßig.

"Hey Wessi, noch nie gehört, dass mer keene Einfahrt zuparkt?"

Zorn bebt in seiner Stimme. Er ist kein dumpfer Pöbler, er ist ein ganz normaler junger Mann. Gewiss steht er in der Straßenbahn auf, wenn eine ältere Dame sich nähert. Aber die Worte von den dummen Ostkälbern, die ihre Metzger selber wählen, haben ihn offenbar tief verletzt.

Es ist Sonntagmittag. Ein wochenendstilles Gewerbegebiet irgendwo an der brandenburgisch-sächsischen Grenze. Weit und breit keiner, den eine mal eben zugeparkte Einfahrt zum Sparkassenparkplatz störte. Es ist lächerlich.