Aber der junge Mann ist in Fahrt, er hört nicht auf. Jetzt hat er ihn in flagranti erwischt, diesen unverschämten, arroganten, unsolidarisch parkenden Westler. Jetzt will er’s ihm geben. Jetzt will er sarkastisch sein, aber es gelingt ihm nicht. Beleidigte Wut macht unsouverän. Die Verbitterung kocht über und legt sich auf seine Stimme.

"Hier is’ nich München, Wessi. Is’ wohl so üblich bei euch in München, aber hier wird keene Einfahrt zugeparkt."

So düster bauen seine Freunde und er sich vor dem Fremden auf, als habe er ihnen persönlich ein Leid angetan. Ein kleines Komitee für Gerechtigkeit, eine kleine Sonntagsdemo im menschenleeren Gewerbegebiet.

Der Fremde ist gar kein Münchner, nicht einmal Bayer. Bloß sein Auto ist ein Mietwagen mit Münchner Kennzeichen – das reicht. Es kann ein Nachteil sein, mit Münchner Nummernschild durchs Zielgebiet zu fahren, wenn Stoiber von Bayerisch-Sibirien aus rhetorische Boden-Boden-Raketen auf den Osten abfeuert.

Gibt es den eigentlich noch? Ist der Osten nicht bloß das Sammelwort für ein paar Regionen, die die DDR 40 Jahre lang zusammengesperrt hat? Was hat eine in mehreren Wellen entvölkerte Gegend Ostvorpommerns mit mitteldeutschen, mittelständisch geprägten Regionen in Sachsen und Thüringen gemein außer jenen 40 Jahren? Ein Wimpernschlag in der langen Geschichte dieser Länder. Wächst sich das nicht aus? Sind deren alte Stärken und Schwächen nicht weitaus prägender?

Und Jörg Schönbohms Wort von den Proletariern – ist es nicht auch eine Schimäre? Wie leicht war es für die SED Ende der vierziger Jahre in den alten ostelbischen Gebieten, deren traditionell dünne Kulturschicht fortzujagen – den Gutsherrn, den Landarzt, den Apotheker, ein paar Mittelständler und Beamte – und sich selbst an die Stelle der Junker zu setzen. Was änderte sich denn für den landlosen Landarbeiter bei Demmin und Eggesin und Templin mit der Bodenreform und ihrer anschließenden Kassation per Zwangskollektivierung? Seine paar Brosamen Land hatte der frisch gebackene Neubauer gleich wieder bei der Genossenschaft abzuliefern. Wieder gehörte ihm nichts, und er hatte wieder nichts zu sagen.

Schönbohm denkt über diese Dinge nach. In einem Hotelfoyer in Cottbus, ein paar Minuten vor einer Wahlkundgebung mit Angela Merkel, erzählt er, sein Freund Wolf Jobst Siedler, der Berliner Verleger, habe ihm geschrieben. Sein Wort vom "proletarisierten Osten", für das er so viel Schelte bezog, sei noch zu schwach. Siedler habe darauf hingewiesen, dass es in den klassisch ostelbischen Gebieten nach 1945 kaum Bauern und Bürger gegeben habe, die man hätte proletarisieren können.

Schönbohm wirkt überrascht von dem, was er ausgelöst hat. Auf diese Probleme habe er doch schon mehrmals hingewiesen. "Was tritt an die Stelle des DDR-Kollektivs? Wie bauen wir eine Zivilgesellschaft auf, wenn Entvölkerung und lange Arbeitslosigkeit alles kaputtmachen?" Stolpe habe von Brandenburg als der kleinen DDR gesprochen. "Ich bin damals angetreten, um das zu beenden." Nun sagen ihm ehrbare Ostler, sie hätten hart gearbeitet und Kinder großgezogen; ob er ihre Lebensleistung kaputtreden wolle? Aber auch die Reaktionen im Westen machen ihn nicht glücklich. "Im Westen bekomme ich nur Zustimmung", sagt der brandenburgische Innenminister und CDU-Chef, "das macht mich nachdenklich." Und wenn ein Politiker "nachdenklich" sagt, dann meint er: besorgt, unglücklich. Glück und Unglück gehen verzwickte Beziehungen ein dieser Tage. Schönbohm muss für Stoibers Feuerschutz geradezu dankbar sein. Er hat ihn überboten und so aus dem Schussfeld genommen. Während Schönbohm unbedacht in ein Mikrofon brummte, hat der Bayer seine Worte kalkuliert. Was Gysi in seinem Osten kann, dachte Stoiber sich, das kann ich besser. Er verfiel auf die Idee, seinen Westen an der wundesten Stelle zu kitzeln, dem Portemonnaie, und so ein bisschen was für die Umfragewerte seiner Partei zu tun.

Haben nicht 15 Jahre Milliardentransfers, Mallorca und RTL endlich alles plan geschliffen? Hört das denn nie auf, dieses verstockte Beharren auf einer immer mehr Soli einfordernden Opferrolle des Ostens? Das zieht. Alte süddeutsch-katholische Stimmungen gegen die ostelbischen Piefkes werden wach, wie sie zuletzt nach dem Krieg den Vertriebenen entgegenschlugen. Also lautet ein erster Befund: So ostig wie heute war der Osten lange nicht mehr. Eine Instant-DDR einen Sommer lang medial zu erwecken ist kein Kunststück, wie sich zeigt. Es reichen ein paar Stiche in die bekannten Wunden. Sie schweißen noch einmal zusammen, was doch längst nur mehr locker zusammengehört. Und es ist klar: Besonders fest halten diejenigen an ihrer beleidigten und erniedrigten Ost-Identität, die sonst nicht viel haben, woran sie sich festhalten könnten. Es gibt den Osten, und es gibt ihn nicht. Wie ostig er ist, das hängt ganz davon ab, welches Milieu man betritt, welche Region, welche Stadt. So wirkmächtig die jetzt wieder schmerzhaft gefühlte DDR ist – der real existierende Osten ist keine verschworene, verstockte Sonderwelt. Er kennt Gewinner und Verlierer. Befreite und Bedrückte. Reiche und Arme.

Am äußersten deutschen Ostrand liegt Eisenhüttenstadt an der Oder, anderthalb Autostunden südlich davon Görlitz an der Neiße. Und doch ist es, als lägen diese Städte auf verschiedenen Kontinenten.

Als Stalinstadt 1951 um ein neues Hüttenwerk herum gegründet, nach Stalins Tod in Eisenhüttenstadt umbenannt, ist "die erste sozialistische Stadt der DDR" heute deren traurige Endmoräne. Eine tote Stadt – das ist nicht die Formulierung eines Westjournalisten, es ist das bitter-nüchterne Urteil einer Lehrerin am Fürstenberger Gymnasium. Heike Zylla leitet dort den Theaterkurs. Mit Schülern der elften Klasse führt sie gerade ein selbst entworfenes Stück auf, es heißt Aufbau und Abriss und spielt in dem Plattenbauviertel, in dem ihre Schule liegt. Aufbau, das ist die Welt von gestern, Abriss die von heute. Das Stück ist keineswegs unkritisch gegenüber der DDR. Und doch ist, wie fast immer, die Welt von früher ein bisschen heiler.