Pro von Susanne Mayer

Endlich! Ist es denn möglich? Dass wir ein Jahrhundert nach Gewährung des Wahlrechts für Frauen, 50Jahre nach Verankerung der Gleichheit von Mann und Frau im Grundgesetz, 40 Jahre nach Benennung einer ersten Bundesministerin, 30Jahre nach der ersten Bundestagspräsidentin, nach Jahrzehnten erfolgreichster Frauenbildung und mühsamster Gleichstellungspolitik, dass wir endlich eine Kanzlerkandidatin haben? Eine Frau ganz oben! Dies ist hierzulande kein Jubelschrei, sondern ein Ausdruck deutscher Angst. Ob die Merkel das kann, wird gefragt, ob Deutschland das kann, sich von einer Frau regieren zu lassen, ja, ist sie überhaupt eine Frau? Der Gegenkandidat wirkt erleichtert, wie wenig sein Mannsein zur Debatte steht. Und schon drängelt die bangeste aller Fragen nach vorn: Müssen wir Angela Merkel nun wählen, weil sie eine Frau ist? Die Antwort: Aber ja. Wann bitte, wenn nicht jetzt, wollen wir die Chance ergreifen, eine Frau an die Spitze der Regierung zu setzen?

So vieles spricht dafür. Angela Merkel hat Format. Doktor der Naturwissenschaft. Sie hat die atemberaubendste politische Karriere der Nachkriegszeit hingelegt: in nur 15 Jahren von unbekannt zur Kanzlerkandidatin! Merkel hat Mut: Wer wagte wie sie, sich dem Giganten Kohl entgegenzustemmen? Während Kommentatoren noch immer von "Kohls Mädchen" faseln, brilliert sie längst im Licht der Scheinwerfer als scharfsinnige Diskutantin. Sie hat taktisches Gespür, selbst den Stoibers konnte sie die Bühne überlassen – als Vorgruppe. Ihre Politik ist pragmatisch. Sie selbst: durchaus witzig. Manche finden, sie sei schlecht gestylt, und das ist die köstlichste Fußnote in der Politik der Geschlechter: Frauen an der Macht, das lehrt Dr. Merkel, können aussehen, wie sie wollen. Betonung auf: sie.

Angela Merkel ist ein Geschenk der Wiedervereinigung an die Frauen. Ihre Herkunft aus dem Templiner Pfarrhaus hat sie mit eisernem Überlebenswillen und klugem Tarnvermögen ausgestattet. Was sich als Standvermögen, wahlweise Anpassung, in einer Diktatur erprobte, bewährt sich nun in der politischen Männerhorde. Ihr instinktives Misstrauen hilft beim Überleben in der Mediengesellschaft, wo sich jeder als IM erweisen kann, in millionenfacher Auflage. Im Westen wurde die Frauenfrage, die der Osten für gelöst hielt, erbittert vorangetrieben und hat der Nominierung von Frauen den Weg bereitet. Wäre Angela Merkel eine typische Ostdeutsche, dann wäre sie Mutter und hätte schon in Bonn in Ermangelung von Kita-Plätzen und Ganztagsschulen die Segel streichen müssen. Wäre sie eine typische Westdeutsche, hätte sie ihre Empörung darüber herausposaunt und sich alle zu Feinden gemacht. Angela Merkel ist ein gesamtdeutsches kinderloses Erfolgsmodell.

Natürlich will Angela Merkel nicht als Frau gewählt werden. Darauf können wir leider keine Rücksicht nehmen. Selbstverständlich täte es uns allen gut, eine Politikerin wie Anna Lindh vor Augen zu haben, die strahlende Schwedin, die bis zu ihrer Ermordung aussichtsreichste Kandidatin für die Nachfolge des Premierministers war. Eine Außenministerin, Mutter von zwei Schulkindern, die ihre Auslandseinsätze reduzierte, für die Familie, und die gerade deshalb hoch geachtet war. Angela Merkel steht nicht für ein modernes Frauenbild, das Kinder mit einschlösse. Nicht ihr, sondern uns allen fehlt der Humus, aus dem so eine Gestalt emporwachsen könnte. Angela Merkel verschweigt ihre Frauenpolitik so eisern, dass man Hoffnung spürt, da würde etwas verborgen. Aber was? Ein Blick in das CDU-Programm macht nicht klüger.

Dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewünscht wird, ist banal. Und widerspricht der Verteidigung des Ehegattensplittings, das zur Berufsaufgabe ermutigt. Es gibt im CDU-Programm ein Bekenntnis zur Kernkraft, keines zur Ganztagsschule. Immerhin erscheinen Kinder als Bürger, denen ein steuerfreier Grundfreibetrag von 8000 Euro zusteht. Radikale Maßnahmen zur Belebung der Wirtschaft werden avisiert, zu einer Quote für Frauen reicht der Mut nicht. Oder die Erfahrung. Die CDU-Fraktion des Bundestages weist mit 23 Prozent eine blamable Frauenquote auf. Die Frauenpolitik der Union kann kein Grund sein, Merkel zu wählen. Bittere Wahrheit aber ist: Auch eine faire Frauenrepräsentanz ist kein Garant für gute Frauenpolitik.

Sieben Ministerinnen in Kanzler Schröders Kabinett konnten die Gleichstellung von Mann und Frau nicht als zentrales Thema in der Gesellschaft verankern. Obwohl ein Blick auf den Arbeitsmarkt oder die Sicherung der Sozialsysteme zeigt, dass die Benachteiligung von Frauen ein Schlüsselfaktor ist. Sofortmaßnahmen? Keine. Das Ehegattensplitting wurde kritisiert, aber nicht abgeschafft. Quoten in der Wirtschaft? Mochte der Kanzler nicht. Die Sozialhilfebedürftigkeit von Alleinerziehenden, mit 26 Prozent doppelt so hoch wie bei anderen Bürgern, wurde bedauert, nicht gesenkt. Eine Million Krippenplätze fehlen, aber ein Bildungssoli? So radikal war der rot-grüne Reformeifer nicht.

Der am besten ausgebildeten aller Frauengenerationen bleiben echte Karrieren versperrt. Der deutsche Professor hat sich nicht erweichen lassen, mehr als vier Prozent der kostbaren C4-Posten an Frauen abzutreten. In den Vorständen der 80 größten Kapitalgesellschaften der Old Economy liegt der Frauenanteil bei exakt 1 Prozent. Dies ist nicht Norwegen, wo von September an ein Gesetz gilt, das den Frauenanteil in den Vorständen börsennotierter Unternehmen auf 40 Prozent festlegt – ausgehend von 16 Prozent. Schafft zusätzliche 700 Spitzenjobs für Frauen! Bei uns gilt die Verpflichtung der Verfassung auf Chancengleichheit von Mann und Frau als Scherzartikel. Größere Strahlkraft entfalten die Trophäen unserer First Ladys: Hannelore Kohls Kochbuch und die Hundedeckchen-Kollektion von Doris Schröder-Köpf. Eine Kanzlerin Angela Merkel haben wir geradezu verzweifelt nötig – als Symbol dafür, dass fähige Frauen auch hierzulande alles können. Es ist außerdem unsere einzige Gelegenheit voranzukommen. Denn es erzwingt Fortschritte.

Eine Kanzlerin Merkel weiß, dass es einen Frauenbonus nur einmal gratis gibt. Die Opposition wird, im Angriff auf sie, ihre Frauenpolitik kontourieren, die Union müsste nachziehen. Nur: Wie die Kochs und Becksteins überzeugen? Also, Merkel braucht ihnen nur vorzulesen, was sie selbst 1993 in Emma formulierte: "Wir müssen … neue Leitbilder propagieren: Der Mann, der sich um die Nachbarn kümmert; der Mann, der nachmittags in der Theatergruppe der Schule mitmacht; der Mann, der spült und das Klo putzt." Ein unbedingtes Ja.